Wer bist du, wenn der Kopf leiser wird und etwas anderes spricht

Es gibt Momente, da spüren wir ganz deutlich, wie voll unser Kopf ist. Gedanken, Pläne, Bewertungen, Geschichten über uns selbst und über andere. Und gleichzeitig merken wir: Etwas Wesentliches kommt darin kaum noch vor. Das Fühlen. Das einfache Da-Sein. Das Mensch-Sein jenseits von Rollen.

Leider ist es sogar oftmals so, dass wir selbst das nicht mehr fühlen, sondern einfach nur im Funktionieren sind. Wir organisieren, erklären, reflektieren, analysieren. Und selbst wenn wir über Gefühle sprechen, kommen diese Worte oft aus dem Kopf. Wir denken über das Fühlen nach, statt es wirklich zu erleben. Manchmal merken wir das erst, wenn uns etwas berührt, das wir nicht geplant haben. Das überwältigt.

Tage außerhalb der Zeit: Ein Biodanza Retreat zum Jahreswechsel

Für mich waren die Tage rund um Silvester, Tage, die sich nicht wie ein klassischer Jahreswechsel angefühlt haben, sondern wie ein Innehalten außerhalb der Zeit. Ein Biodanza Retreat, der weniger mit Rückzug zu tun hatte. Es war mehr ein Ankommen und das bei mir selbst, bei anderen und im Leben überhaupt.

Wir waren eine kleine Gruppe. Menschen, die Biodanza schon lange kannten und andere, die zum ersten Mal in diese Form des Erlebens eingetaucht sind. Manche also mit viel Erfahrung und manche vorsichtiger Neugier statt Erfahrung. Vielleicht war genau das schon der erste Hinweis darauf, worum es in diesem Biodanza Retreat eigentlich ging: Es muss nicht alles gleich sein, damit Verbindung entstehen kann.

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Wenn Worte aus dem Kopf kommen und das Herz etwas anderes meint

Immer wieder kam ich an diesen Tagen für mich auf dasselbe Thema zurück: Wie sehr wir Menschen doch im Kopf unterwegs sind. Wie schnell wir dort Antworten finden, Deutungen, Überzeugungen. Und wie leise daneben oft das Herz geworden ist. Selbst dann, wenn wir überzeugt sind, aus dem Herzen zu sprechen. Ich habe gemerkt, wie fein dieser Unterschied ist. Etwas kann ehrlich klingen und doch aus einer Schicht kommen, die gelernt hat, sich gut auszudrücken. Und darunter liegt noch etwas anderes. Etwas Rohes. Unfertiges. Verletzliches. Etwas, das sich nicht erklären will, sondern gefühlt werden möchte. Und etwas, was gelebt werden möchte, weil es an der Zeit ist, es zu leben.

Biodanza schafft dafür einen Raum. Nicht, indem es Antworten gibt, sondern indem es Fragen verkörpert. Wie fühlt sich Nähe an, wenn sie nicht bewertet wird? Wie fühlt sich Kontakt an, wenn ich nichts darstellen muss? Wie fühlt es sich an, mich zu bewegen, ohne ein Ziel zu verfolgen? Wie bin ich, wenn ich meiner Kreativität freien Lauf lasse? Wie fühle ich, wenn ich meine Vorurteile weg lasse und Menschen frei begegne? Was fühle ich, wenn ich es schaffe, mich mit mir zu verbinden?

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Was gehen darf und was bleiben möchte

Ein Moment dieses Biodanza Retreats hat sich bei mir besonders eingebrannt. Am letzten Tag des Jahres. Wir bekamen zwei Zettel. Auf den einen schrieben wir, wovon wir uns verabschieden möchten. Ehrlich. Ohne gutes Vorsatz-Vokabular. Auf den anderen Zettel schrieben wir, was wir uns für uns selbst wünschen. Die Antworten auf diese Fragen waren im Grunde schon da, aber sie niederzuschreiben, war noch mal etwas anderes. Mich hat es Mut gekostet, das jetzt aufzuschreiben. Ein Gefühl von: Jetzt lege ich offen, was mich innerlich gerade am meisten beschäftigt oder woran ich schon lange leide. Ein Gefühl von Angst, diese Wunde zu zeigen. Und gleichzeitig kostete es Mut, auch den Wunsch aufzuschreiben. Ihn sich selbst damit zu visualisieren, ihm damit Gestalt zu geben und sich so auch ein Ziel zu setzen.

Glaubenssätze

Oftmals wissen wir innerlich schon sehr genau, was diese zwei Dinge sind. Und am Ende sind es auch „nur“ Glaubenssätze. Aber wir spüren im Alltag, dass wir mit ihnen ja auch Recht haben. Logisch, denn ist es mein Glaubenssatz, so wird er sich immer erfüllen. Denke ich also „Ich verdiene kein Glück auf dieser Welt“, dann wird es sich so auch immer ereignen. Denke ich „Ich bin nicht gut genug“, dann werde ich mir diesen Glaubenssatz von außen immer wieder unbewusst bestätigen lassen.

Ein Glaubenssatz wird sich leider und Gott sein Dank immer erfüllen. Drehe ich meinen Glaubenssatz um, wird auch dieser sich erfüllen und weiterentwickeln. Und eigentlich mag ich das Wort „Glaubenssatz“ nicht. Es klingt so, als hätte ich innerlich eine Wahrheit und auf einmal soll ich mir irgendeinen Satz sagen, an den ich ab jetzt glauben soll. Das ist falsch. Das wäre Selbstbetrug und von außen auferlegt. Aber ich finde die Arbeit mit unseren tief sitzenden Annahmen sehr wichtig. Denn wenn ich mich selbst bewegen und entwickeln möchte, muss ich meine Grundannahmen kennen und kann sie überdenken. Das eröffnet mir einen Raum.

Ein Raum, in dem der Kopf nicht trennen musste

Zurück zum Biodanza Retreat: Was mich sehr berührt hat, war nicht eine einzelne Vivencia oder ein bestimmter Tanz. Es war das Miteinander. Die Art, wie wir Zeit geteilt haben. Die Art, wie sich jeder in seiner Art geöffnet hat für etwas Neues. Wie jeder sich selbst ausprobiert hat und wie jeder an sich etwas entdeckt hat. Zu erleben, dass Menschen auf einmal berührt sind, dass sie auf einmal etwas in sich gefunden haben, ist für mich ein Geschenk. Ich schaue dann in Augen und da ist er: Der Mensch selbst. Und es ist egal, ob er in diesem Moment glücklich ist, selbstsicher, zutiefst traurig oder irgendwie verloren. Der Mensch ist einfach gerade komplett da und beginnt zu fühlen. Alles andere sind Wege, die jeder für sich gehen kann, getragen jedoch von Menschen, die ihn dabei begleiten.

Und an diesen Tagen waren wir wild durchmischte Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen, unterschiedlichen Wunden, unterschiedlichen Ansichten, unterschiedlichsten Alters und doch entstand etwas Gemeinsames. Ein Raum, in dem Menschlichkeit wichtiger war als „Positionen“. Der Kopf hörte auf, etwas zu durchtrennen.

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Wenn Schutz zur Grenze wird

Denn genau das tut der Kopf so oft. Er vergleicht, ordnet ein, zieht Grenzen, schießt Automatismen los und macht ganz schnell Schubladen auf und findet sein Urteil. Grenzen sind nicht falsch, sie schützen uns. Aber manchmal stehen sie uns im Weg. Manchmal verhindern sie, dass wir Neues erfahren. Sie umfassen uns in ihrem Schutz und dennoch kerkern sie uns ein in unsere Gewohnheit. In unseren sicheren Hafen.

In diesen Tagen habe ich mal wieder erlebt, wie schnell Nähe entstehen kann, wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu sortieren. Wenn wir uns nicht über den Kopf definieren, keine Schubladen aufmachen sondern über Präsenz. Und die Schubladen gehen sehr schnell auf. Ein erster Blick und man urteilt schnell. Das zu tun, liegt in unserer Natur. Aber genau dort kurz inne zu halten und zu sagen: Hey, ich erstelle mir gerade ein Bild von einer Person nur durch einen ersten Blick. Das kann nicht fair sein. Das kann nicht echt sein. Das ist ein Anfang. Ein Anfang, sich zu öffnen und bereits der erste Schritt über eine sehr wichtige Grenze.

Im Alltag passiert dieses Innehalten eher selten. Vielleicht, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, richtig zu sein oder stark oder angepasst oder um als erfolgreich gelten zu wollen. Vielleicht auch, weil wir kaum Räume kennen, in denen wir einfach Mensch sein dürfen oder vielleicht auch, weil wir bisher gar nicht über diese Automatismen nachgedacht haben, weil sie innerhalb von Millisekunden greifen. Oder aber auch, weil wir einfach zu faul sind, jetzt auch noch dieses tun zu müssen, weil wir ja eh schon so viel zu tun haben.

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Ein Raum zur Erinnerung an das Wesentliche

Für mich war der Biodanza Retreat genau so ein Raum, um sich diesem Thema wieder einmal mehr zuzuwenden. Kein Rückzug aus dem Leben, sondern eine Erinnerung daran, was Leben im Kern ist. Unter all den Schichten aus kindlicher Prägung, Erwartungen, Selbstbildern, Glaubenssätzen, Rollen, Jobanforderungen liegt etwas ganz Einfaches.

Und damit komme ich zu einer Frage, die beim Biodanza Retreat in mir auftauchte:

Wer bin ich, wenn alles um mich herum leise wird?

Wenn der Job keine Rolle spielt. Wenn die eigene Geschichte kurz Pause macht. Wenn die prägenden Erfahrungen außen vor sind. Wenn ich nicht Mutter bin. Wenn die Erwartungen von außen Schicht für Schicht beiseite gleiten. Wenn ich nicht funktionieren muss. Wenn alle äußeren Faktoren, die auf mich eingebrasselt sind, gewollt oder ungewollt, weg sind: Was bleibt dann?

Vielleicht ist es genau dieser Kern, dem wir uns im Tanz nähern. Nicht über Worte, sondern über Erfahrung, Bewegung, Begegnung und über gemeinsames Mensch-Sein.

Und ja, ich habe meine Antwort gefunden. Und auch das unter äußerst amüsanten Bedingungen. Als ich mir zum ersten Mal diese Fragen stellte, saß ich etwas hilflos da und fragte mich: Ja, was bleibt denn dann? Wer bist du? Was ist dein Kern? Und ich hatte das Gefühl, dass diese Frage unendlich schwer ist und ich darauf keine Antwort finde. Und dann habe ich all diese Fragen beiseite gelegt und kaum ein paar Stunden später schoss es mir in den Kopf. Da war sie: Meine Antwort auf die Frage und ich musste lachen, denn wie konnte ich kurz vorher noch denken, wie unfassbar schwer diese Frage ist. Es war so naheliegend und so offensichtlich. Aber die Antwort konnte ich nicht denken, sie kam von ganz allein, weil ich sie fühlen konnte.

Mein Wunsch für dich

Und nun möchte ich dir etwas wünschen, für 2026 und für dein ganzes Leben. Mein Wunsch für dich ist kein großer. Kein höher, schneller, weiter. Kein „Nutz die Zeit besser“ oder „Mach mehr aus deinem Leben“. Mein Wunsch ist leiser.

Ich wünsche dir Räume, in denen du nichts darstellen musst. Momente, in denen du nicht erklären musst, warum du gerade so bist, wie du bist. Begegnungen, in denen der Kopf einmal Pause machen darf und das Fühlen wieder den Ton angibt.

Ich wünsche dir den Mut, alten Grenzen nicht sofort zu glauben. Nicht alles, was dich schützt, dient dir noch. Manche Grenzen dürfen weich werden. Manche Geschichten dürfen neu erzählt werden. Nicht im Kopf, sondern im Erleben.

Und ich wünsche dir die Erfahrung, dass du nicht allein bist mit deinen Fragen, deinen Brüchen, deiner Sehnsucht nach mehr Tiefe. Dass Menschlichkeit verbindet, auch dann, wenn wir an ganz unterschiedlichen Stellen im Leben stehen.

Wenn du dir im neuen Jahr ein kleines Geschenk machen wollt, dann vielleicht dieses: Dir selbst wieder ein Stück näherkommen. Nicht perfekt. Nicht fertig. Sondern ehrlich.

Ein Gedanke zu „Wer bist du, wenn der Kopf leiser wird und etwas anderes spricht“

  1. Ole sagt:

    Ein wundervoller Text, mit dem du deinem Erleben Sprache gibst.
    Ich danke dir fürs Mitnehmen in deine Welt.

    Für mich bleiben nach diesen Tagen Fragen in meinem Raum:
    – Was braucht es, wenn Distanz zum Schutzraum wird?
    – Wie kommt der Kopf zum Schweigen und das Herz zum Sprechen?
    – Was will ich loslassen?
    – Was will ich mitnehmen?

    Im Biodanza kann ich Antworten für mich finden.

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