Manchmal verändert sich etwas, ohne dass man es sofort benennen kann. Erst später entsteht die Frage: Was ist hier eigentlich in Bewegung gekommen?
Viele Menschen machen diese Erfahrung im Kontakt mit Biodanza. Zunächst steht nicht das Verstehen im Vordergrund, sondern das Erleben. Etwas wird spürbar und bekommt mehr Präsenz oder mehr Gefühl, vielleicht auch mehr Verbindung. Worte dafür kommen oft erst danach.
Auch bei mir war das so. Irgendwann wurde ich neugierig und wollte genauer verstehen, was da eigentlich passiert und wie Rolando Toro überhaupt auf Biodanza kam. Was ihn dazu gebracht hat, eine Methode zu entwickeln, die so wenig erklärt und doch so viel berührt.
Je tiefer ich mich mit seinen Texten beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Biodanza ist nicht einfach entstanden, weil jemand gern tanzt. Biodanza ist für Rolando Toro aus einer Notwendigkeit heraus entstanden. Er beobachtete, dass der Mensch in unserer Kultur immer weiter vom eigenen Leben abrückt. Dass wir funktionieren, analysieren, optimieren und dabei den Kontakt zu dem verlieren, was uns eigentlich trägt: zum Körper, zu Gefühlen, zu Beziehungen und zum Leben selbst.
An genau diesem Punkt setzt das biozentrische Prinzip an.
Rolando Toro hat dieses Prinzip nicht formuliert, um ein neues Konzept zu erfinden. Er brauchte einen anderen Bezugsrahmen, um zu beschreiben, warum Biodanza wirkt und warum es diese Form von Erfahrung überhaupt braucht. Das biozentrische Prinzip ist der gedankliche Ursprung von Biodanza. Es ist der Boden, aus dem diese Methode gewachsen ist und der Schlüssel, um zu verstehen, was Rolando Toro bewegt hat.
Das biozentrische Prinzip nach Rolando Toro
Das biozentrische Prinzip beschreibt eine grundlegende Sicht auf das Leben und geht von folgenden Annahmen aus:
- Das Leben steht im Mittelpunkt.
- Der Mensch ist Teil eines lebendigen Ganzen.
- Affektivität, Beziehung und Bewegung sind zentrale Lebenskräfte.
- Gesundheit entsteht durch Integration, nicht durch Kontrolle.
- Biodanza ist die praktische Anwendung dieses Prinzips. Das biozentrische Prinzip bildet dabei das ethische und anthropologische Fundament, aus dem Biodanza hervorgegangen ist und auf dem es bis heute beruht.
Das biozentrische Prinzip beschreibt eine Haltung, die dort ansetzt, wo Erleben vor Erklärung steht. Etwas verändert sich im Körper, im Empfinden oder im Kontakt mit anderen.
In diesem Artikel geht es deshalb nicht um persönliche Erfahrungen. Sondern darum, was Rolando Toro unter dem biozentrischen Prinzip verstanden hat, wie er zu diesem Denken kam und warum es für ihn notwendig war, dieses Prinzip überhaupt zu formulieren. Diese Wiedergabe entspringt natürlich meinem Verständnis dessen, was ich in Rolandos Zeilen gelesen habe.
Ursprung, Bedeutung und Grundlage von Biodanza
Das biozentrische Prinzip bildet das philosophische, anthropologische und ethische Fundament von Biodanza. Rolando Toro entwickelte dieses Prinzip als Antwort auf seine grundlegende Beobachtung, dass der moderne Mensch in vielen Bereichen den Kontakt zur eigenen Lebendigkeit verloren habe. Diese Entfremdung zeigte sich ihm körperlich, emotional und sozial.
Toro verstand das biozentrische Prinzip nicht als Theorie im klassischen Sinn, sondern als eine Haltung gegenüber dem Leben, aus der sich ein anderes Verständnis von Mensch, Gesundheit, Beziehung und Gemeinschaft ergibt. Um Biodanza zu verstehen, ist es daher unerlässlich, das biozentrische Prinzip in seiner Tiefe zu betrachten.
Was bedeutet das biozentrische Prinzip?
Der Begriff „biozentrisches Prinzip“ setzt sich aus bios (Leben) und zentriert (im Mittelpunkt stehend) zusammen. Im Zentrum dieses Prinzips steht nicht der Mensch, nicht das Denken und nicht die Leistung, sondern das Leben selbst.
Rolando Toro beschreibt das Leben als den ursprünglichen Bezugspunkt aller Prozesse. Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft und individuelle Entwicklung sollten sich aus seiner Sicht an der Förderung des Lebens orientieren und nicht umgekehrt.
Das biozentrische Prinzip stellt damit eine bewusste Abkehr von anthropozentrischen und technokratischen Weltbildern dar. Der Mensch wird nicht als Herrscher über das Leben verstanden, sondern als Teil eines größeren lebendigen Systems.1
Der Mensch als Ausdruck des Lebens
Im biozentrischen Prinzip ist der Mensch kein isoliertes Individuum, sondern ein biologisches, affektives und soziales Wesen. Toro betont, dass diese Ebenen nicht voneinander getrennt werden können, ohne die Integrität des Menschen zu verletzen. Gemeint ist damit die innere Stimmigkeit des Menschen als Ganzes. Das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Beziehung, das ihm Orientierung, Halt und ein Gefühl von Verbundenheit gibt.
Nach Toro entsteht menschliches Leid häufig dort, wo diese Ebenen dauerhaft blockiert oder voneinander abgespalten werden. So etwa durch emotionale Isolation, chronische Selbstkontrolle oder die Abwertung körperlicher Empfindung.
Das biozentrische Prinzip geht davon aus, dass der Mensch über eine angeborene biologische Orientierung verfügt, die auf Erhaltung, Entwicklung, Beziehung und Integration ausgerichtet ist. Diese Orientierung wirkt nicht über Denken oder bewusste Steuerung, sondern über Empfindung, Affekt und Bewegung.2 Mit Affekt meint Toro:
- eine unmittelbare emotionale Reaktion,
- die vor dem bewussten Denken entsteht und
- die dem Organismus Orientierung gibt.
Affekte zeigen uns zum Beispiel:
- ob etwas als angenehm oder bedrohlich erlebt wird,
- ob Nähe oder Distanz gesucht wird oder
- ob wir uns sicher oder angespannt fühlen
Dabei geht es nicht um komplexe Gefühle wie Schuld oder Stolz, sondern um basale emotionale Zustände wie Freude, Angst, Zuneigung, Abwehr oder Interesse.
Gemeint ist meiner Meinung damit, dass der Mensch im Kontakt mit dem eigenen Erleben bereits Hinweise darauf in sich trägt, was ihm entspricht und was ihn von seinem lebendigen Gleichgewicht entfernt.
Die Organisation des Lebens als Vorbild
Ein zentrales Argument im biozentrischen Prinzip ist die Beobachtung, dass lebendige Systeme sich selbst organisieren. In der Natur entstehen Ordnung, Regulation und Entwicklung nicht primär durch Kontrolle, sondern durch dynamische Wechselwirkungen.
Toro überträgt dieses Verständnis auf den Menschen. Gesundheit und Entwicklung entstehen aus seiner Sicht nicht durch äußeren Zwang oder ständige Selbstoptimierung, sondern durch Bedingungen, die Selbstregulation ermöglichen. Der Mensch wird dabei nicht als passives Objekt betrachtet, das geformt werden muss, sondern als lebendiges System, das auf unterstützende Impulse reagiert und daraus eigene Ordnung hervorbringt. Gemeint ist wohl damit, dass der Mensch nicht gemacht oder korrigiert werden muss, sondern dass er sich entfalten kann, wenn die äußeren Bedingungen stimmen. Ordnung entsteht dann nicht durch Anpassung an Vorgaben, sondern durch ein inneres Wieder-in-Gleichgewicht-Kommen.
Das biozentrische Prinzip beschreibt Leben als einen Prozess, der sich über Beziehung, Rhythmus und Integration organisiert. Diese Sichtweise bildet eine der wichtigsten Grundlagen von Biodanza.3
Affektivität als biologische Intelligenz
Eine zentrale Rolle im biozentrischen Prinzip spielt die Affektivität. Toro versteht darunter nicht einzelne Gefühle oder emotionale Ausbrüche, sondern eine grundlegende Fähigkeit des Menschen, auf das Leben zu reagieren, noch bevor Denken und Bewertung einsetzen. Affektivität meint die unmittelbare emotionale Resonanz des Organismus auf das, was ihm begegnet.
In diesem Verständnis ist Affektivität eine Form biologischer Intelligenz. Sie gibt fortlaufend Orientierung darüber, was als stimmig, nährend oder bedrohlich erlebt wird. Über Affekte reguliert der Mensch Nähe und Distanz, öffnet sich oder zieht sich zurück, sucht Verbindung oder Schutz. Diese Prozesse laufen größtenteils vorsprachlich und körpernah ab.
Affektivität verbindet den Menschen mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit dem Leben insgesamt. Toro kritisiert, dass moderne Gesellschaften diese affektive Ebene häufig kontrollieren, unterdrücken oder übergehen. Das geschieht zum Beispiel durch permanente Selbstkontrolle, Rationalisierung oder soziale Anpassung. Dadurch wird die natürliche Regulationsfähigkeit des Menschen geschwächt.
Im biozentrischen Prinzip wird Affektivität daher als grundlegender Lebensprozess verstanden und dabei nicht als etwas, das überwunden oder diszipliniert werden muss, sondern als eine zentrale Quelle von Orientierung, Bindung und Lebendigkeit.4
Anthropologische Wurzeln des biozentrischen Prinzips
Rolando Toro stützte sein Denken unter anderem auf anthropologische Studien. In vielen indigenen Kulturen beobachtete er, dass Tanz, Musik und gemeinsames Erleben zentrale Funktionen für Gesundheit, Gemeinschaft und Sinn erfüllten.
Diese Ausdrucksformen dienten nicht der Unterhaltung, sondern der Regulation sozialer und emotionaler Prozesse. Toro erkannte darin universelle Lebenssprachen, die tief im Menschen verankert sind.
Das biozentrische Prinzip greift diese Beobachtungen auf und versteht Tanz, Musik und Bewegung als ursprüngliche Zugänge zur Lebendigkeit. Biodanza ist die systematische Umsetzung dieses Verständnisses.5
Das biozentrische Prinzip als Grundlage von Biodanza
Biodanza basiert vollständig auf dem biozentrischen Prinzip. Ziel von Biodanza ist es nicht, etwas zu leisten oder zu analysieren, sondern Bedingungen zu schaffen, in denen lebensfördernde Prozesse wieder erfahrbar werden.
Das biozentrische Prinzip definiert dabei die Ausrichtung:
- Leben wird genährt, nicht bewertet
- Beziehung wird ermöglicht, nicht instrumentalisiert
- Entwicklung geschieht über Erfahrung, nicht über Erklärung
Toro bezeichnete Biodanza deshalb als eine Pädagogik des Lebens. Sie richtet sich an gesunde Anteile des Menschen und unterstützt Integration auf körperlicher, emotionaler und sozialer Ebene.6
Der Dialog über das biozentrische Prinzip ist nicht abgeschlossen. Wenn du Gedanken, Zweifel oder Ergänzungen hast, freue ich mich über deinen Kommentar. Kritisches Mitdenken gehört dazu. Und falls du neugierig bist, wie sich Biodanza jenseits von Theorie anfühlt: Erfahrung kann ein anderer Zugang sein als Erklärung.
» Lesetipp: Das biozentrische Prinzip: Eine kritische Auseinandersetzung
