Innehalten im Alltag: Manchmal ist nicht alles wichtig

Es gibt diese Phasen, in denen sich das Leben wie ein permanentes Getriebensein anfühlt, in denen Aufgaben auf uns warten, bevor wir die vorherigen überhaupt abgeschlossen haben und in denen die Liste der Dinge, die erledigt werden wollen, einfach nicht kürzer wird, egal wie sehr wir uns anstrengen und genau dann wird innehalten im Alltag plötzlich zu einer echten Herausforderung.

Man bewegt sich von Punkt zu Punkt, denkt voraus, organisiert, plant, reagiert und trotzdem bleibt das Gefühl, innerlich kaum noch nachzukommen, weil alles gleichzeitig wichtig erscheint und nichts mehr wirklich Ruhe bekommt.

Dieses Getriebensein hat selten mit mangelnder Disziplin zu tun, sondern oft damit, dass wir den Kontakt zu dem verlieren, was uns innerlich Orientierung gibt, weil wir uns zu sehr an äußeren Anforderungen ausrichten und dabei leiser werden. Bewusst innezuhalten im Alltag fällt uns in solchen Phasen besonders schwer. Und fragen wir uns einfach mal selbst ganz ehrlich: Wie stark lassen wir uns von Dinge aus dem Außen leiten? Aufgaben, Anforderungen, Meinungen, ganz egal was. Das Außen ist so präsent, das Innere weniger.

Wenn Dringlichkeit alles überlagert und innehalten schwerfällt

Viele Aufgaben lassen sich nicht wegdenken und auch nicht wegfühlen, sie gehören zum Alltag, sie wollen erledigt werden und sie verschwinden nicht, nur weil wir innehalten und der Meinung sind, dass wir gerade überfordert sind.

Was sich jedoch verändern lässt, ist unsere Haltung ihnen gegenüber, denn der Druck entsteht weniger durch das, was zu tun ist, als durch die innere Bewertung, mit der wir es betrachten. Wenn alles denselben Stellenwert bekommt, fühlt sich alles gleich schwer an und ich denke, genau hier beginnt der Stress, der uns antreibt und gleichzeitig erschöpft.

Wir sind keine Maschinen, die endlos funktionieren, sondern Menschen, die fühlen, zweifeln, müde werden und Pausen brauchen, auch wenn der Kalender etwas anderes verlangt.

Herz, Bauch und eine andere Art zu hören

In solchen Momenten geht es für mich nicht nur darum, auf den Körper zu hören, sondern auch auf das, was sich im Herz und im Bauch meldet, auf diese leiseren Instanzen, die keine Argumente liefern, aber sehr genau spüren, was stimmig ist und was nicht.

Herz und Bauch helfen dabei, wieder zu unterscheiden, was gerade wirklich wichtig ist und was nur laut oder dringend geworden ist und genau hier wird innehalten im Alltag zu einer inneren Entscheidung statt zu einer äußeren Pause.

Diese Unterscheidung nimmt mir den Druck raus, weil sie mir erlaubt, Aufgaben nicht einfach abarbeiten zu müssen, sondern ihnen einen Platz, der mich nicht überfordert. Ich kann besser sehen, was gerade wirklich wichtig ist und was nicht. Witzigerweise sage ich gerade beruflich immer zu meinem Team „Wir operieren nicht am offenen Herzen“, was so viel heißt wie: Hey Leute, wir geben unser Bestes, aber:

Es hängt kein anderes Leben davon ab, aber eben deines, wenn du dich permanent ausbrennst.

Glaube und Zweifel

Wenn innehalten im Alltag nur wie eine schöne Idee klingt

Nun gehöre ich auch zu den Menschen, die gern mal einen Ratschlag aussprechen, sich aber selbst nur schwer dran halten können, und so ging es mir auch mit diesem Gedanken.
Vor ein paar Monaten hätte ich diesen Zeilen nicht meinen Glauben schenken können, weil ich überzeugt war, dass nun mal alles wichtig ist, weil es so ist, wie es ist, und innehalten im Alltag für mich eher nach einem schönen Ideal klang als nach etwas, das im echten Leben tatsächlich Platz hat.
Ich dachte, erst müssten die Aufgaben weniger werden, bevor ich mir erlauben könnte, innerlich langsamer zu werden.

Ein Erfahrungsraum, der etwas verschiebt

Biodanza hat mir hier einen unerwarteten Erfahrungsraum geschaffen, in dem ich genau diese Unterscheidung immer wieder üben kann, aber es ist nicht der einzige Weg, auf dem Menschen zu sich kommen oder Klarheit finden. Witzig ist, dass ich das nie mit Biodanza in Verbindung gebracht hätte und auch nie als Thema in mir aktiv mit zu Biodanza genommen habe. Es ist einfach passiert, weil ich etwas erlebt habe.

» Lesetipp: Mehr Lebendigkeit wagen: Vom Funktionieren ins Fühlen

Wie sich Orientierung anfühlt, wenn der Kopf leiser wird

Es gibt viele Möglichkeiten, innezuhalten, sich zu spüren und wieder in Kontakt zu kommen und jeder Mensch hat sicherlich auch einen anderen Zugang dazu.

Was Biodanza mir schenkt, ist eine sehr direkte, körperliche Erfahrung davon, wie sich Orientierung anfühlt, wenn sie nicht aus dem Kopf kommt, sondern aus dem Erleben.

Während ich mich bewege und mich Stück für Stück weiter öffne, ordnet sich vieles ganz automatisch. Und das Ganze nicht, weil Probleme auf einmal verschwinden, sondern weil sie ihren richtigen Platz bekommen und nicht mehr alles gleichzeitig nach Aufmerksamkeit ruft. Nach einem Erleben zu Musik, Bewegung und anderen Menschen fühle ich so eindeutig, was wichtig ist und was nicht und mein ganzer Körper reguliert sich. War ich vorher mit 8 To Dos im Kopf unterwegs und mein Puls lag bei 100, liegen danach immer noch 8 To Dos da, aber es ist, als hätte ich sie nun wie mit einer Bettdecke liebevoll zugedeckt und lass all die schlafen, die gerade einfach nicht dran sind. Und mein Puls? Er ist runter, weil sich in mir etwas schlafen gelegt hat, ohne, dass ich es aus den Augen verliere, aber auch ohne, dass ich mich dadurch weiter getrieben fühlen muss. Es ist ein durchatmen, eine Befreiung, eine Leichtigkeit.

» Lesetipp: Wer bist du, wenn der Kopf leiser wird und etwas anderes spricht

Vom Erleben ins Leben

Biodanza lehrt mich etwas über mich selbst, über meine Grenzen, über meine Bedürfnisse und darüber, wie sich innere Klarheit anfühlt und ich bin danach gefragt, dieses Erlernte in meinen Alltag zu übersetzen.

Das bedeutet für mich, auch außerhalb des „Tanzraums“ weiter zu üben und in diesem Fall zu prüfen, was gerade wirklich wichtig ist, wie viel Druck ich mir mache und wo ich weicher werden darf, ohne Verantwortung abzugeben.

Diese Transformation ist kein einmaliger Schritt, sondern ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit und Übung braucht. Und ja, manchmal ist das auch ganz schön anstrengend. Aber ich werde immer wieder angetrieben durch meine bloße Erinnerung an dieses freie Lebensgefühl, dass das mein eigener Antrieb ist, niemals aufzugeben.

Eine tragfähige Orientierung

So wird Biodanza für mich nicht zur Lösung, sondern zu einer Erinnerung, an etwas, das in mir angelegt ist und das ich auch im Alltag nutzen kann. Und das wiederum finde ich sehr spannend. Es ist in uns selbst da und die Lösung könnte so nahe liegen und oft ist der eigene Blick so verzerrt, dass man die eigenen Ressourcen nicht nutzen kann. Komisch, oder? Es ist ins uns, aber wir können manchmal nicht zugreifen.

Eine Einladung

Vielleicht magst du beim Lesen kurz innehalten und dich fragen, was dir gerade wirklich wichtig ist, jenseits von Dringlichkeit und Gewohnheit, und wie sich innehalten im Alltag für dich ganz konkret anfühlen könnte.

Und wenn du neugierig bist, solche Erfahrungen nicht nur zu denken, sondern zu erleben, kann Biodanza ein möglicher Raum dafür sein, neben vielen anderen Wegen. Informationen zu Biodanza Schulen in Deutschland findest du hier: https://www.biodanza-deutschland.org/schulen

Und wenn du magst, teile gern in den Kommentaren, was dir hilft, das, was du lernst oder erlebst, in deinen Alltag zu tragen, auch dann, wenn gerade kein geschützter Raum dafür da ist.

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