
Vielleicht fragt sich der ein oder andere: Warum überhaupt über Physiologie sprechen, wenn es doch um Tanz und Lebensfreude geht? Nun, für Rolando Toro war Biodanza viel mehr als nur Bewegung. Er sah darin eine tiefgreifende Möglichkeit und Methode, die Körper, Psyche und soziale Beziehungen harmonisiert. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Wirkung von Biodanza wissenschaftlich begründen zu können. Daher beschäftigte er sich intensiv mit damaligen neurowissenschaftlichen Theorien. Er wollte erklären, was viele Teilnehmende intuitiv erlebten: gesteigerte Lebendigkeit, Verbundenheit und Heilung.
Auch heute, wo Stress, soziale Isolation und psychische Belastungen zunehmen, lohnt sich der Blick auf die neurobiologischen Grundlagen ganzheitlicher Bewegung. Die interdisziplinäre Forschung zu Tanztherapie, Psychoneuroimmunologie und Musikpsychologie knüpft an Toros Ansatz an und untersucht, wie Bewegung und Begegnung das Nervensystem, das Hormonsystem und das Immunsystem beeinflussen.
Ich finde es interessant mehr darüber zu erfahren, von was wir bei „Wirkung“ eigentlich sprechen. Fühlen kann ich sie persönlich jedes Mal und eigentlich ist mir dann die wissenschaftliche Erkenntnis fast egal, denn ich fühle und erlebe es. Ich fühle, wie es mir hilft. Dennoch bin ich interessiert daran, was in uns Menschen wirklich genau passiert, wenn wir beim Biodanza sind und zwar jenseits von dem, was wir fühlen.
Biodanza im Kontext der damaligen Neurowissenschaft
Die Biodanza‑Methode des chilenischen Anthropologen Rolando Toro Araneda entstand in den 1960er Jahren und beruht auch auf dem damaligen Erkenntnisstand der Wissenschaft und das ist nun schon ein paar Jahre her. In seinem Buch beschreibt Toro ausführlich die vermeintlichen neurophysiologischen Mechanismen hinter dem Erleben im Tanz. Seine Erklärungen basieren auf dem damaligen Stand der Neurowissenschaft, vor allem auf dem Konzept eines getrennten limbischen Systems, einer strikten Aufgabenverteilung zwischen linker und rechter Großhirnhemisphäre und einer dualistischen Sicht des autonomen Nervensystems.
Seitdem sind sechs Jahrzehnte vergangen. Für die Wissenschaft eine enorm große Zeitspanne. Moderne Bildgebungs‑ und Neurochemietechniken erlauben uns heute einen differenzierteren Blick auf das Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Geist. Daher möchte ich in diesem Blogartikel Toros Vorstellungen respektvoll wiedergeben, erläutern und auch mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen abgleichen. Dazu möchte ich sagen, dass ich zwar Wissenschaftlerin bin, aber in einem ganz anderem Bereich. Ich habe viel recherchiert und gelesen, um nachfolgende Erkenntnisse zu sammeln.
Wie Biodanza das Gehirn vernetzt
Toro beschrieb das menschliche Gehirn als Produkt der Evolution. Aus zwei miteinander verbundenen „Bulbi“ entwickelten sich zwei ausgeprägte Hemisphären. Er unterschied zwischen einer logisch‑analytischen linken und einer räumlich‑holistischen rechten Hemisphäre und glaubte, dass Biodanza vor allem die vernachlässigte rechte Hemisphäre anregt, um ein inneres Gleichgewicht herzustellen.1
Was moderne Neurowissenschaft heute über Tanz & Gehirn weiß
Neuere Neurowissenschaften relativieren diese klare Arbeitsteilung. Zwar sind einzelne Funktionen wie Sprachproduktion oder Aufmerksamkeitsfokussierung lateralisiert, doch Persönlichkeit, Kreativität und Entscheidungsverhalten können nicht einer Hirnseite zugeschrieben werden. Eine Untersuchung mit über 1.000 Personen fand keinen Hinweis, dass Menschen bevorzugt die linke oder rechte Hemisphäre nutzen.2 Vielmehr arbeitet das Gehirn als vernetztes Ganzes.
Tanzen führt laut modernen Studien zu einer Synchronisierung von sensorischen, motorischen, kognitiven und emotionalen Netzwerken und stärkt die Verbindung zwischen den Hemisphären.3 Bildgebende Befunde zeigen vergrößerte Nervenfasern im Corpus callosum (sorgt dafür, dass die linke Seite weiß, was die rechte tut) von Tänzerinnen und Tänzern, was den Informationsaustausch beschleunigt.4
Aus dieser Perspektive kann Biodanza als Training für die Integration der Hirnaktivität verstanden werden: Übungen, die Sprache und analytisches Denken zurückstellen und auf Rhythmus, Körperempfinden und Interaktion setzen, fördern die Vernetzung der Hemisphären. Toros ursprüngliche Intuition, nämlich ein Gleichgewicht zwischen rationalem Denken und sinnlichem Erleben anzustreben, bleibt damit aktuell, auch wenn die einfache Links–Rechts‑Dichotomie heute als überholt gilt.
Emotionen, Instinkte und das innere Gleichgewicht
Um die emotionale Tiefe von Biodanza zu erklären, griff Toro auf das Konzept eines „integrativ‑adaptiven limbisch‑hypothalamischen Systems“ zurück. Er betrachtete Hippocampus, Amygdala und Hypothalamus als Schaltstellen für Instinkt, Gefühl und grundlegende Lebensbedürfnisse. Dieses System solle Hunger und Sättigung, Hormonausschüttung, Immunsystem, Körpertemperatur, Schlaf, Sexualverhalten, Pubertätsbeginn und emotionale Ausdrücke regulieren.
Toro vermutete, dass die „Kultur“ die Entwicklung dieses Systems hemmt und dass Biodanza durch Musik, Berührung und Bewegung diese Strukturen stimuliert, die Kontrolle des Kortex lockert und dadurch mystische Erlebnisse ermöglicht.5
Er beschreibt Kultur dabei als etwas, das im Menschen ein Ungleichgewicht erzeugen kann, weil sie kognitive, rationale und analytische Funktionen, auf Kosten von unbewussten, verbindenden und integrierenden Funktionen, bevorzugt. Kultur meint hier also nicht Kunst, Musik oder z.B. Traditionen, sondern ein Wertesystem, das festlegt, welche Art von Funktionieren im Alltag dominiert. Kultur ist für ihn hier auch das, was wir lernen und übernehmen (Verhaltensmuster) und zwar so, dass diese Muster sich von grundlegenden Lebensbedürfnissen entfernen können.
Blicke ich auf die aktuelle Kultur in Deutschland im Jahr 2026 fallen mir für unsere Kultur als Erstes folgende Begriffe ein
- Leistungs- und Effizienzkultur
- Bürokratie- und Regelkultur
- Kontroll- und Sicherheitskultur
- digitalisierte Aufmerksamkeitskultur
Damit ist ganz offensichtlich, was gemeint ist.
Aber es gibt auch Gegenströmungen, die verbindende Funktionen stärken: Hier hätten wir das Vereinsleben, Ehrenämter, Sportgruppen, Chor, Tanz- und Bewegungsgruppen, Natur-/Waldkultur, therapeutische und körperorientierte Ansätze, Community-Projekte usw.
Warum das klassische limbische System heute als überholt gilt
Moderne Neurowissenschaft widerspricht der Vorstellung eines abgekapselten limbischen Systems. Forschung zeigt, dass emotionale Reaktionen durch Netzwerke aus Amygdala, Hippocampus, präfrontalem Kortex und Hirnstamm gemeinsam erzeugt werden. Das gängige Triune‑Brain‑Modell, wonach sich Gehirnstrukturen in reptilien‑, limbisches und neokortikales Gehirn aufteilen, gilt als überholt.6 Dennoch bestätigen Bildgebungsstudien, dass Tanzen diese vernetzten Regionen aktiviert und synchronisiert.7
Psychoneuroimmunologie: Die Verbindung von Stress, Emotion und Immunsystem
Darüber hinaus untersucht die Psychoneuroimmunologie (PNEI), wie Stress, Emotionen und Immunfunktion zusammenhängen. Der Hypothalamus reguliert über die Hypothalamus‑Hypophysen‑Nebennieren‑Achse die Cortisolausschüttung. Chronischer Stress kann das Immunsystem schwächen, während positive soziale Interaktionen und körperliche Aktivität es stärken.8 Biodanza knüpft hier an, indem es das emotionale Erleben, die soziale Verbundenheit und den Bewegungsfluss in den Vordergrund stellt und so zu einem inneren Gleichgewicht beitragen kann.
Toros Idee, dass Biodanza den Zugang zu archaischen Instinkt‑ und Emotionszentren öffnet, wird dadurch erweitert. Es geht nicht um die Enthemmung eines „limbischen Systems“, sondern um die Harmonisierung komplexer neuronaler und hormoneller Netzwerke.
Sympathikus, Parasympathikus und die Balance des Nervensystems
Ein weiterer Schwerpunkt in Toros Buch ist das autonome Nervensystem. Er unterschied zwischen dem aktivierenden Sympathikus und dem regenerativen Parasympathikus. In einer detaillierten Tabelle zeigt er auf, wie diese Systeme verschiedene Organe beeinflussen, von der Pupillenverengung und dem Speichelfluss über Herzfrequenz und Blutdruck bis hin zu sexueller Erregung. In der Terminologie von Walter Rudolf Hess nannte er den sympathisch dominierten Zustand ergotrop (Arbeit, Aktivität) und den parasympathisch dominierten Zustand trophotrop (Ruhe, Ernährung). Toro sah die westliche Kultur als ergotrop geprägt. Biodanza sollte durch abwechslungsreiche Übungen beide Systeme ansprechen und so das neurovegetative Gleichgewicht wiederherstellen.9
Was Studien zur Wirkung von Biodanza auf Stress und Regulation zeigen
Die wissenschaftliche Evidenz ist gemischt. Erste Experimente mit Biodanza maßen Hautwiderstand und Immunglobulin A und fanden Hinweise auf eine leichte Verringerung sympathischer Aktivität. Die Ergebnisse waren jedoch uneinheitlich und die Probandenzahlen klein.10 Eine spätere TANZPRO‑Biodanza‑Studie mit Kindergartenkindern zeigte eine Abnahme von Testosteron und IgA sowie eine verbesserte Herzfrequenz‑Autoregulation. Generell bestätigen Reviews zu Tanzinterventionen, dass rhythmische Bewegung Herzfrequenzvariabilität und Stressregulation verbessern kann, ohne dass einzelne Organreaktionen gezielt steuerbar wären.
Für den Alltag bedeutet das: Wer Biodanza praktiziert, kann eine Wechselwirkung aus Aktivierung und Entspannung erleben, aber die physiologischen Effekte sind individuell und bislang nur in Ansätzen wissenschaftlich erfasst. Toros Konzept bleibt eine hilfreiche Metapher, um das eigene Erleben einzuordnen, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit für weitere Forschung.
Chemische Botenstoffe und das Immunsystem: Tanz als Medizin
Toro vermutete, dass die intensiven Erfahrungen im Biodanza wie Lebensfreude, Körperlust und Trance mit einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin, Endorphinen, GABA und anderen Neurotransmittern zusammenhängen.11 Er sah Parallelen zur Wirkung von Hormonen wie Somatostatin, Prolaktin und Kortikosteroiden und prophezeite, dass Biodanza tiefgreifende Integrationsprozesse im psychoneuroendokrinoimmunologischen System (PNEI) auslösen könnte.
Was wir heute über Dopamin, Endorphine und Oxytocin beim Tanzen wissen
Heute belegen Studien zur Musik‑ und Tanztherapie, dass das Hören von Musik und rhythmische Bewegung tatsächlich neurochemische Veränderungen bewirken. Die Erwartung einer bekannten Melodie setzt Dopamin frei, körperliche Anstrengung beim Tanzen erhöht die Endorphin‑Ausschüttung und das Tanzen in Gruppen steigert den Oxytocin- und senkt den Cortisolspiegel.12 Synchrones Tanzen erhöht die Schmerzschwelle, ein indirektes Maß für Endorphinfreisetzung und stärkt die soziale Bindung.13 Zudem weist die Psychoneuroimmunologie darauf hin, dass chronischer Stress über die Hypothalamus‑Hypophysen‑Nebennieren‑Achse das Immunsystem schwächen kann, während positive soziale Interaktion und moderate Bewegung entzündungshemmende Effekte haben.14
Konkrete Messungen dieser Botenstoffe während Biodanza‑Sessions existieren bislang nicht. Die beobachteten Effekte wie die gesteigerte Lebensfreude, reduzierte Angst oder das Gefühl tiefer Verbundenheit lassen sich jedoch plausibel mit den bekannten neurochemischen Mechanismen erklären.
Somit bleibt Toros Hypothese, dass Biodanza biochemische Prozesse moduliert, aus heutiger Sicht eine plausible, wenn auch noch unzureichend empirisch belegte Annahme.
Wissenschaftliche Belege und offene Fragen
Trotz der begrenzten Datenlage gibt es erste kontrollierte Studien zu Biodanza. Eine randomisierte Studie aus dem Jahr 2017 mit Studierenden zeigte, dass vier Biodanza‑Sitzungen über einen Monat depressive Symptome deutlich verringerten (Effektstärke d ≈ 1,9) und das Stressempfinden moderat senkten.15 Neuere Übersichtsarbeiten berichten, dass Biodanza keine signifikante Verbesserung der Schlafqualität bewirkt, aber Stress und Depressionen wirksam lindert.16 Andere kleine Studien fanden Hinweise auf eine Verbesserung der Herzfrequenzregulation und eine Normalisierung bestimmter Hormon- und Immunglobulinwerte.
Methodische Grenzen und Forschungsbedarf
Gleichzeitig machen Reviews darauf aufmerksam, dass viele Biodanza‑Studien methodische Schwächen haben: kleine Stichproben, fehlende Verblindung und heterogene Designs.17 Vieles, was Toro nur vermuten konnte wie etwa die Ausschüttung spezifischer Neurotransmitter oder die gezielte Beeinflussung von Organen, ist bis heute nicht systematisch untersucht worden.
Die Verbindung von Tanzerleben und PNEI‑System ist Gegenstand laufender Forschung. Bislang lässt sich festhalten: Biodanza ist eine vielversprechende Methode zur Steigerung des psychischen Wohlbefindens und zur Stressreduktion, doch robuste Beweise für spezielle physiologische Wirkmechanismen stehen noch aus.
Fazit: Toros Vermächtnis im Licht der Gegenwart
Rolando Toro war ein Pionier darin, Tanz, Musik und soziale Verbundenheit mit der Funktion des Gehirns in Beziehung zu setzen. Seine Beschreibung der physiologischen Wirkung von Biodanza spiegelt das neurowissenschaftliche Wissen seiner Zeit wider und griff wichtige Konzepte wie die Rollenverteilung der Gehirnhemisphären, das limbische System und das autonome Nervensystem auf. Heute wissen wir:
- Das Gehirn arbeitet als vernetztes Ganzes. Die klassische Aufteilung in „rechte“ und „linke“ Hemisphäre ist stark vereinfacht, Tanzen fördert die interhemisphärische Synchronisation.18
- Das Triune‑Brain‑Modell und ein klar abgegrenztes limbisches System gelten als überholt. Emotionen, Motorik und Kognition entstehen aus integrierten Netzwerken.19
- Biodanza verbessert nachweislich Stress‑ und Depressionswerte und beeinflusst möglicherweise hormonelle und immunologische Parameter, die spezifischen physiologischen Wirkmechanismen sind jedoch noch unzureichend untersucht.20
- Musik und Tanz setzen Dopamin, Endorphine und Oxytocin frei und senken den Cortisolspiegel. Diese Botenstoffe erklären viele positive Effekte wie Euphorie, soziale Verbundenheit und Stressabbau.21
Was bleibt: Integration statt Vereinfachung
Toros Hypothesen besitzen also weiterhin heuristischen Wert. Viele seiner Beobachtungen, etwa, dass Tanzen euphorisch macht, soziale Bindung fördert und das Lebensgefühl steigert, werden heute durch neurochemische und psychologische Forschung bestätigt. Andere Annahmen, zum Beispiel die strikte Einteilung des Gehirns in funktionelle Sphären, müssen korrigiert oder differenziert werden. Gerade die Erkenntnis, dass Bewegungen, Gefühle und Denken untrennbar miteinander verwoben sind, öffnet neue Perspektiven für Biodanza: Nicht das Ausschalten des kognitiven Kortex, sondern die Integration von Körper, Emotion und Bewusstsein scheint entscheidend für gesundheitsfördernde Erlebnisse zu sein.
Persönliches Fazit
Während ich mich mit den physiologischen Wirkungen von Biodanza, mit Rolando Toros Gedanken und mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigt habe, wurde mir eines immer wieder sehr deutlich: Das, was hier beschrieben wird, ist für mich keine abstrakte Theorie.
Ich erlebe Biodanza nicht zuerst im Kopf, sondern im Körper. Ich spüre, wie sich etwas reguliert, wie Spannung nachlässt, wie Atmung tiefer wird, wie Begegnung Sicherheit schafft. Und ich merke, dass sich genau diese Erfahrungen erstaunlich gut mit dem decken, was wir heute über Nervensystem, Stressregulation, Neuroplastizität und soziale Co-Regulation wissen.
Rolando Toro hat vieles zu einer Zeit formuliert, in der diese Zusammenhänge noch nicht messbar oder begrifflich sauber gefasst waren. Aus heutiger Sicht wirken seine Annahmen nicht naiv, sondern bemerkenswert vorausgedacht. Die Forschung holt ihn an vielen Stellen ein und führt seine Gedanken weiter.
Was mich persönlich daran berührt
Biodanza wirkt für mich nicht, weil ich daran „glaube“, sondern weil ich es immer wieder erlebe. In meinem eigenen Körper, in Begegnungen, in Momenten, in denen der Kopf leiser wird und etwas Tieferes spricht.
Wenn du Lust hast, diese Erfahrungsdimension jenseits der Theorie kennenzulernen, findest du auf meinem Blog verschiedene persönliche Zugänge, zum Beispiel:
- wie es sich anfühlt, wenn der Körper wieder als sicherer Ort erlebt wird,
- was passiert, wenn Fremdsein langsam zu Verbundenheit wird oder
- wie Biodanza helfen kann, aus dem reinen Funktionieren wieder ins Fühlen zu kommen.
Diese Texte sind keine Beweise, sondern Erfahrungsräume. Und vielleicht genau deshalb eine wertvolle Ergänzung zur Wissenschaft.
Gleichzeitig möchte ich diesen Artikel auch als Einladung verstehen. Wenn du forschst, studierst, therapeutisch oder wissenschaftlich arbeitest und dich mit Körper, Bewegung, Emotion oder Beziehung beschäftigst, dann interessiert mich der Austausch sehr. Biodanza ist ein Feld, das aus meiner Sicht noch viel Potenzial für weitere Forschung bietet. Nicht um etwas zu beweisen, sondern um besser zu verstehen, was Menschen im Erleben tatsächlich stärkt, reguliert und verbindet.
Am Ende bleibt für mich eine einfache, aber zentrale Erkenntnis: Der Körper weiß oft mehr, als wir denken. Und manchmal braucht es Bewegung, Musik und Begegnung, um dieses Wissen wieder zugänglich zu machen.
Quellen:
- Biodanza, 2. Ausgabe, April 2016, von Rolando Toro Araneda, Herausgeber André Chales de Beaulieu, Übersetzung Peter Kochheim, Seiten 56-57 ↩︎
- https://www.health.harvard.edu/blog/right-brainleft-brain-right-2017082512222#:~:text=Location%20matters ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7832346/#:~:text=cingulate%20cortex%2C%20and%20temporoparietal%20junction%2C,making%20and%20motivation ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7832346/#:~:text=cingulate%20cortex%2C%20and%20temporoparietal%20junction%2C,making%20and%20motivation ↩︎
- Biodanza, 2. Ausgabe, Seiten 58-59 ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9010774/ ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7832346/#:~:text=cingulate%20cortex%2C%20and%20temporoparietal%20junction%2C,making%20and%20motivation ↩︎
- https://www.longdom.org/open-access/understanding-the-mechanisms-of-psychoneuroimmunology-in-chronic-illness-1100478.html#:~:text=Psychoneuroimmunology%20,implications%20for%20holistic%20health%20approaches ↩︎
- Biodanza, 2. Ausgabe, Seiten 62-63 ↩︎
- https://www.biodanza.org/wp-content/uploads/2021/11/SIGNUMTEMPORISBiodanzaEffectsonStressReductionandWell-BeingAReviewofStudyQualityandOutcome.pdf ↩︎
- Biodanza, 2. Ausgabe, Seite 64 ↩︎
- https://www.nationalgeographic.com/health/article/how-dance-boosts-brain-and-mood#:~:text=Anticipating%20a%20melody%20can%20trigger,social%20bonding%2C%20and%20reduce%20stress und https://www.britishscienceassociation.org/blogs/bsa-blog/7-ways-dancing-can-improve-your-life#:~:text=blood%20pressure%2C%20anxiety%20and%20depression,exercise%20may%20help%20you%20relax ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4650190/#:~:text=Group%20dancing%20is%20a%20ubiquitous,may%20be%20an%20effective%20group ↩︎
- https://www.longdom.org/open-access/understanding-the-mechanisms-of-psychoneuroimmunology-in-chronic-illness-1100478.html#:~:text=Psychoneuroimmunology%20,implications%20for%20holistic%20health%20approaches ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12431891/#:~:text=1%20%C3%97%2090,by%20a%20trained%20Biodanza%20facilitator ↩︎
- frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2024.1386529/full#:~:text=Biodanza%20therapy%2C%20a%20dance%20movement,Music ↩︎
- https://www.biodanza.org/wp-content/uploads/2021/11/SIGNUMTEMPORISBiodanzaEffectsonStressReductionandWell-BeingAReviewofStudyQualityandOutcome.pdf ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7832346/#:~:text=cingulate%20cortex%2C%20and%20temporoparietal%20junction%2C,making%20and%20motivation ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9010774/#:~:text=Abstract ↩︎
- https://www.biodanza.org/wp-content/uploads/2021/11/SIGNUMTEMPORISBiodanzaEffectsonStressReductionandWell-BeingAReviewofStudyQualityandOutcome.pdf ↩︎
- https://www.nationalgeographic.com/health/article/how-dance-boosts-brain-and-mood#:~:text=Anticipating%20a%20melody%20can%20trigger,social%20bonding%2C%20and%20reduce%20stress ↩︎

Liebe Janet,
Wahnsinn, dein Blog! Janet, Danke für deine umfangreiche Recherche zu diesem Artikel (und all den vorigen!) und dass du deinen Blog überhaupt ins Leben geholt hast – in so vielen, passenden, bildreichen und schönen Worten! Pro Biodanza und mehr gutes inder Welt. Toll. Danke!
Beim lesen relativ weit oben im Artikel fiel mir folgendes auf an dieser Stelle:
„Mit westlicher Kultur meinte Toro die westliche Gesellschaftsform, die durch liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte sowie einen starken Fokus auf individueller Freiheit und rationalem Denken geprägt ist. “ –
-oder, frage ich mich, ohne bisher seine Bücher gelesen zu haben, meinte er eher die _Auswirkungen des westlichen Lebensstils verbunden mit _Kapitalistischer Wirtschaftsweise, die zum Funktionieren in betrieblicher Hirarchie, Konkurrenz-Gehabe, Separation von Kopf und Gefühl im Berufskontext, Leistungsorientierter Anpassung des Tag-Nacht-Rhythmus, dauerhaft gesteigertem Kortisol-Stresspegel usw führen? – denn „Demokratie,Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte“ oder“ individuelle Freiheit“ an sich bewirken ja nicht o.g. Fehlentwicklung der Gesellschaft, oder?
Hingegen bewirken der „starke(n) Fokus auf individueller Freiheit und rationalem Denken“ schon eben diese Fehlentwicklungen…
Jedenfalls dachte ich dann an Rudolf Steiners anthroposophische Initiativen zur Zeit des 1. WK zur „Sozialen Dreigliederung“, in welcher in Anlehnung an die frzs. Forderungen nach „Gleichheit,Freiheit,Brüderlichkeit“ eine Gesellschaftsentwicklung gefördert werden sollte, die menschliche (im „Biozentrischen Sinne“) Entwicklung ermöglicht: „Gleichheit“ im Rechtsleben, „Freiheit“ im Kultur-und Bildungsleben, „Brüderlichkeit“ im Wirtschaftsleben, um eben der Tendenz zur egoistischen verstandenen individuellen Freiheit entgegenzuwirken, die keine Verbundenheit pflegt. Dem Trend des überbordenden „rationalen Denken“ setzte er sein Anliegen entgegen, ein „Herz-Denken und „Herzens-Gemeinschaften“ zu entwickeln“… da sind sich m.E. anthroposophsches Weltbild und Biodanza-Weltbild nahe, was mich als anthroposophische Ärztin und Biodanza-Begeiterte sehr freut ! 😉
Toll, wie geschmeidig du all diese komplexen Vorgänge dargestellt hast, ich werde gleich noch andre Blogbeiträge durch lesen!
Liebe Grüße,
Meitschi
Liebe Meitschi,
vielen lieben Dank für Deine Worte, für deine Wertschätzung, für dein genaues Lesen und für deine tollen Gedanken.
Und ja, du hast mich bei der Stelle zur „westlichen Kultur“ völlig zu Recht gestoppt.
In meiner Formulierung war ich zu schnell und zu pauschal. Vor allem der Teil mit „liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte“ ist keine saubere Wiedergabe dessen, was Toro an dieser Stelle meint. In seinen eigenen Gedanken, so wie ich sie im Artikel zusammengetragen habe, geht es viel stärker um eine Überbetonung von Kultur und rationalem Denken, die die instinktive und affektive Seite des Menschen überlagert. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Pathologie des Ichs“ und beschreibt als Folge unter anderem Entfremdung, Wettbewerb und Konsumzwänge.
Genau in die Richtung zielt auch deine Frage, wenn du den westlichen Lebensstil und die kapitalistische Wirtschaftsweise ansprichst. Dieses Funktionieren, die Hierarchien, das Konkurrenzprinzip, die Trennung von Kopf und Gefühl, der dauerhaft hohe Stresspegel, das ist viel näher an dem, was Toro kritisiert, als meine Aufzählung politischer Errungenschaften.
Ich nehme deinen Hinweis deshalb nicht nur als Diskussionspunkt, sondern als konkreten Auftrag an mich. Ich habe die Stelle im Blog direkt überarbeitet, damit dort klarer wird, worauf Toro zielt und damit ich sauberer zwischen meinen eigenen Einordnungen und seinen Aussagen trenne. Danke, dass du mich da so achtsam darauf aufmerksam gemacht hast.
Danke dir, Meitschi. Für dein Mitdenken, für deinen Blick, für dein Herz in den Worten.
LG Janet