Es gibt Tage, da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass einfach jemand hinter mir steht. Nicht mit großen Ratschlägen. Nicht mit Lösungen. Einfach da. Still, wach, zugewandt.
Vielleicht kennst du das: Du funktionierst. Du regelst deinen Alltag, triffst Entscheidungen, arbeitest To do Listen ab. Nach außen wirkt alles stabil. Innen ist da aber oft eine leise Müdigkeit. Ein Teil in dir, der sich wünscht, mal kurz nicht stark sein zu müssen.
Gleichzeitig fällt es gar nicht so leicht, Nähe zuzulassen. Jemandem wirklich zu zeigen, wie verletzlich du bist. Vielleicht hast du erlebt, dass dein Vertrauen enttäuscht wurde. Oder du hast gelernt: „Ich komme besser zurecht, wenn ich alles allein mache.“ Dann fühlt sich der Gedanke, dich an jemanden anzulehnen, fast genauso unsicher an wie der Gedanke, allein zu bleiben.
Zwischen diesen Polen – Sehnsucht nach Halt und Angst vor Nähe – bewege ich mich manchmal. Gestern Abend ist in meiner Biodanza Vivencia etwas passiert, das genau dieses Spannungsfeld berührt hat. Und zwar nicht im Kopf, sondern im Körper.
Der Abend begann im Kreis
Wir haben die Vivencia wie immer im Gesprächskreis begonnen. Wir saßen zusammen, jede und jeder auf seinem Platz und langsam füllte sich der Raum mit Worten. Da waren Sätze über Müdigkeit, über volle Tage, über Freude und auch über Zweifel. Ich habe den anderen zugehört und gemerkt: Ich bin mit meinen inneren Themen nicht allein.
„Da im Kreis habe ich zum ersten Mal an diesem Tag gespürt, wie müde ich wirklich bin und dass ich damit nicht allein bin.“
Dieser Kreis hat schon etwas in mir beruhigt. Es ist ein Unterschied, ob ich mit meinen Gedanken allein auf der Couch sitze oder ob ich in einem Raum sitze, in dem andere etwas Ähnliches fühlen. Die Atmosphäre war ruhig, getragen, warm und auch voller Lust auf Neues. So etwas wie: „So bin ich gerade. So bist du gerade. Alles darf da sein.“
Dann startete die Bewegung. Der Abend war so aufgebaut, dass wir immer wieder zwischen zwei Bewegungen gewechselt haben: Von der Ruhe in einem selbst hin zur Exploration nach außen. In einem Moment war ich ganz bei mir, im nächsten öffnete ich mich der Welt, nahm Blickkontakt auf, ließ mich von Musik und Begegnung berühren. Dieses Hin und Her hat etwas sehr Natürliches: Wie Atmen. Ein nach innen und ein nach außen.
Der Tanz zu zweit: Wenn jemand hinter dir steht
Der intensivste Moment des Abends war ein Tanz zu zweit. Eine Person bewegte sich frei, eine zweite stand hinter ihr. Die Aufgabe war klar und gleichzeitig sehr fein. Die Person vorn durfte sich ausdrücken, so wie es sich für sie stimmig anfühlte: ruhig, sanft, vielleicht zart, vielleicht trotzdem kraftvoll. Die Person im Hintergrund sollte begleiten, ohne zu führen. Dasein, ohne zu drängen.
Ich habe mich dicht genug hinter sie gestellt, dass sie mich spüren konnte, aber nicht so dicht, dass ich sie eingeengt hätte. Dann begann sie sich zu bewegen. Erst vorsichtig, fast tastend. Ihre Schultern, den Oberkörper, kleine Gewichtsverlagerungen. Ich bin einfach mitgegangen, ganz sanft.
Wenn sie einen kleinen Schritt nach vorn machte, ging ich mit. Wenn sie langsamer wurde, wurde ich auch langsamer. Wenn sie zur Seite schwebte, folgte ich wie ein Schatten, der sagt:
„Ich bleibe bei dir.“
Mit der Zeit wurden unsere Bewegungen fast eins. Nicht im Sinne von „ich mache das Gleiche“, sondern im Sinne von tiefer Abstimmung. Ich musste sie nicht sehen, um sie zu spüren. Ich fühlte das Leben in diesem Körper vor mir: die Geschichte, die alten Wunden, die Zartheit, die Kraft. All das, ohne ein Wort zu sprechen.
In diesem Tanz habe ich alles um mich herum vergessen. Es gab nur noch sie, die Musik, meinen Atem und dieses stille Versprechen: Ich bin da. Egal, was gerade durch dich hindurchgeht.
Was es in mir auslöst, wenn jemand hinter mir steht
Je länger wir tanzten, desto mehr hat mich dieses Erleben in den Bann gezogen. Es war ein besonderer Moment, weil ich als „schützende Person“ eine Rolle einnehmen durfte, die ich im Alltag selten so klar spüre: Jemandem „Rücken“ sein, ohne mich aufzudrängen.
Ich habe gemerkt, wie sehr auch ich innerlich zur Ruhe komme, wenn ich einfach begleite. Ich musste nichts leisten, nichts retten, nichts besser machen. Nur präsent sein. Meine Aufmerksamkeit war wie ein weicher Mantel um diesen Menschen vor mir gelegt.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie heilsam es wäre, so begleitet zu werden. Stell dir vor, du kannst dich bewegen, ausprobieren, vielleicht sogar etwas Altes loslassen und da ist jemand hinter dir, der dich nicht bewertet, der nicht wegsieht, aber auch nicht in deine Bewegung hineinredet. Jemand, der deinen inneren Prozess ernst nimmt und dich mit seiner Präsenz hält.
„In diesem Tanz wurde mir klar, wie heilsam es ist, wenn einfach jemand hinter mir steht. Still und dennoch wach und ganz bei mir.“
Ich habe gespürt, wie sich in mir etwas sortiert: Wie schön es ist, nicht allein sein zu müssen. Wie wohltuend es ist, nicht geführt zu werden, sondern begleitet. Wie sehr unser Körper merkt, wenn da jemand wirklich da ist.
Warum dieser Tanz etwas mit Beziehungen zu tun hat
Dieser Tanz war für mich mehr als eine schöne Übung. Er war wie ein Spiegel für das, was wir uns in Beziehungen wünschen.
Im Alltag kippen wir schnell in Extreme:
- Entweder wir klammern und wollen, dass der andere unsere innere Leere füllt oder
- wir ziehen uns zurück und sagen: „Ich brauche niemanden, ich mache alles alleine.“
Beides fühlt sich auf Dauer nicht stimmig an. Der Tanz hat mir eine dritte Möglichkeit gezeigt: miteinander sein, ohne zu verschmelzen. Halt geben, ohne die Richtung vorzugeben. Frei sein, ohne allein zu sein.
Im Biodanza Raum wird das körperlich erfahrbar:
- Ich erlebe, wie es ist, wenn jemand aufmerksam bei mir bleibt.
- Ich erlebe, wie es ist, einem Menschen einfach Raum zu geben.
- Ich erlebe, dass Nähe sanft sein kann und trotzdem kraftvoll.
Unser Nervensystem merkt sich solche Erfahrungen. Es entstehen innere Bilder: „Ich darf mich zeigen und jemand bleibt da.“ Oder: „Ich kann da sein für einen anderen, ohne mich zu verlieren.“ Diese Körpererinnerungen nehmen wir mit nach draußen in Beziehungen, in Freundschaften, in den Alltag.
Ein Abend, der nachklingt
Als die Musik verstummte und der Tanz endete, standen wir einen Moment ganz still. Sie vor mir, ich hinter ihr. Dann haben wir uns umgedreht, uns in die Arme genommen. Kein großer Kommentar. Und doch war alles gesagt.
Ich bin mit einem warmen Gefühl nach Hause gegangen. Mit der leisen Ahnung: Vielleicht muss ich gar nicht alles allein halten. Vielleicht gibt es Räume, in denen ich ausprobieren kann, wie es ist, jemanden hinter mir zu spüren. Und vielleicht kann ich selbst auch mehr „Rücken“ für andere sein und zwar still, klar, präsent.
Dieser eine Tanz hat mir gezeigt, was echte Begleitung sein kann: Nicht spektakulär, nicht pathetisch, sondern leise und tief. Ein „Ich bin da“, das man im Körper fühlt.
Und du?
Vielleicht kennst du die Sehnsucht, nicht mehr alles allein tragen zu müssen. Vielleicht merkst du gleichzeitig, dass dir Nähe manchmal Angst macht oder ungewohnt ist.
Biodanza ist für mich ein Raum geworden, in dem ich genau solche Erfahrungen geschützt, spielerisch und Schritt für Schritt machen kann. Wenn du neugierig bist, wie sich das anfühlt, schau einmal, ob es in deiner Nähe eine Biodanza Schule gibt. Eine Übersicht findest du hier: www.biodanza-deutschland.org/schulen
Und jetzt zu dir:
- Wann hast du das letzte Mal gespürt, dass jemand wirklich hinter dir steht?
- Was macht es mit dir, wenn du diesen Gedanken auf deinen Alltag überträgst?
Schreib mir gern deine Gedanken in die Kommentare. Vielleicht entsteht hier ein kleiner Kreis von Menschen, die teilen, was Begleitung für sie bedeutet und damit anderen Mut machen, sich auf den Weg zu machen.

Engeltanz. Mein erster Engeltanz hat sich angefühlt wie eine Weltraumreise. Und da war ein lieber Mensch, der überall mit hin kam! Sowas von schön.