Als ich zum ersten Mal zum Biodanza ging und den Raum betreten wollte, blieb ich kurz in der Tür stehen und atmete kräftig durch.Mein Kopf war sofort laut: „Alles fremde Menschen. Wer weiß, wie die so sind. Das sind bestimmt solche ganz esoterischen Leute. Oder solche, bei denen alles Bio ist.“ Ich fühlte mich unsicher und hatte wirklich sehr viele Vorurteile, auf welche Menschen ich dort treffen würde. Ich bin so gar nichts von alle dem. Weder Bio, nach Veganer, noch mache ich was mit Heilkräutern oder verbringe meine Zeit mit Esoterik. Für mich sah eben so ein typischer „Biodanza-Tänzer“ aus. Wer würde denn sonst im Kreis zusammen tanzen und dabei Händchen halten? Das waren meine Gedanken – damals, vor und beim ersten Mal.
Oh mein Gott. Was mache ich hier? Alle sind anders als ich. Warum tue ich das?
Ich spürte, wie mein Körper aufgeregt wurde: ein kleiner Druck im Brustkorb, der Atem flach, die Schultern zu hoch. Gleichzeitig waren da diese warme Musik, freundliche Gesichter, ein ruhiger Blick der Leiterin, der sagte: Hey, schön, dass du hier bist. Ich stand noch einen Moment am Rand, lauschte und merkte langsam: Ich durfte hier sein, ohne etwas zu beweisen. Mit allem, was ich mitbrachte, auch Nervosität, Vorsicht und dem Wunsch nach Kontrolle.
Ich machte einen Schritt in den Raum, dann den nächsten. Nicht, weil ich plötzlich mutig war, sondern weil es okay war, unsicher zu sein. Diese Erlaubnis, nichts sofort „richtig“ machen zu müssen und klein anfangen zu dürfen, rettete mir den Einstieg. Und genau dieses Gefühl wünschte ich dir für deinen ersten Abend auch.
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Ankommen: Ein Raum zum Durchatmen
Ich war also da. Schuhe aus, bequeme Kleidung an, Wasser abgestellt. Praktisch bleiben half mir. Ein paar Menschen waren schon angekommen. Die Runde war bunt gemischt: verschiedene Altersstufen, Körper, Geschichten. Wir begrüßten uns kurz, griffen noch zu einer Kleinigkeit zu essen und checkten die Basics: Wasser, Toiletten, Garderobe, Handy aus. Die Leiterin sagte zwei, drei Sätze zum Ablauf und zu einfachen Anweisungen. Mehr brauchte es nicht.
Ich suchte mir einen Platz, richtete meine Sachen, trank einen Schluck und spürte die Füße auf dem Boden. Kein großer Moment, eher ein leiser Übergang: Ich war da. Genug für den Start.
Der Anfangskreis: Verbindung ohne Eile
Wir saßen auf dem Boden, im Kreis. Keine Stühle, nichts dazwischen. Die Leiterin erinnerte uns daran, dass alles eine Einladung sei, auch das Sprechen. „Du kannst teilen, musst aber nicht. Ein Wort reicht. Schweigen ist okay.“ Mir tat dieser Satz gut, denn ich war überfordert. Was soll ich denn bitte fremden Menschen sagen? Gott sei Dank fand die Leiterin erst einmal viele einführende Worte, was mich ein bisschen mit auf die Reise nahm, was denn jetzt eigentlich hier so auf mich zukommt.
Dann kam die Frage „Warum bist du heute da?“ Ich begann darüber nachzudenken, warum ich da bin. Was hat mich dazu bewegt. Was hat mich dahin gebracht und warum? Und kann ich all das kurz fassen und hier so überhaupt erzählen? Und will ich das? Meine erste Antwort war: „Ich bin da, weil ich das Gefühl habe, dass da mehr im Leben ist und ich möchte das kennenlernen und erfahren.“ Das war nicht gelogen, denn das habe ich tatsächlich so empfunden. Wenngleich die ehrlichere Antwort, warum ich zum Biodanza überhaupt gekommen bin, weiter unten steht.
Wir gingen reihum. Manche sagten nichts, andere erzählten ihre kleine Geschichte. Während ich zuhörte, sortierte sich in mir etwas. Wenn jemand von „zu viel im Kopf“ sprach, erkannte ich mich wieder. Wenn jemand sagte „ich will heute weich werden“, wurde mein Atem länger. Die Geschichten der anderen waren wie kleine Spiegel, nicht identisch, aber nah genug, dass ich mich darin fand.
Vom Reden ins Tanzen
Nun ging es los. Alle aufstehen. Alles wegräumen. Musik an. Und eine Grundregel: Während des Tanzens wird nicht gesprochen. Kein Wort! Ok. Mund zu.
Der Einstieg war einfach: Im Rhythmus gehen, Arme locker schwingen. Das machten nun 12 fremde Menschen in einem Raum. Ganz ehrlich: Beim ersten Mal fühlte sich das komisch an. Mein Kopf kommentierte alles: „Wie sieht das aus? Was mache ich hier? Seltsam. Das wird ja was werden.“ Ich war angespannt und nicht gerade selbstbewusst in diesem Moment. Da laufe ich mit 46 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben mit 11 mit fremden Menschen zu spanischer Musik im Rhythmus durch einen Raum. Super. Aber: Ich blieb dabei und machte weiter. Die Musik war mal rhythmisch, mal sanft. Sie nahm mich an die Hand, ohne zu ziehen. Und ich ließ mich vom Rhythmus tragen.
Ich begann allein, nur für mich. Dann hob ich den Blick und bewegte mich parallel mit jemandem auf der anderen Seite des Raums. Kein Kontakt, nur ein geteilter Rhythmus. Das beruhigte. Dann trafen sich Blicke und ein Lächeln begegnete dem anderen. Die Distanz zueinander wurde damit spürbar geringer und ich etwas lockerer. Die Leiterin gab kleine Anweisungen, kurz und freundlich: „langsamer“, „neugieriger“, „kleiner“ als „höher, schneller, weiter“. Das half mir, vom Kopf in den Körper zu rutschen.
Und dann passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte: Leichtigkeit stellte sich ein und echte Freude. Was eben noch im Kopf kreiste, löste sich. Ich tanzte, ich lachte, ich schaute in fremde Augen. Ich war da. Hier. Jetzt. Und ich lebte. Die Schultern sanken, der Atem wurde breiter, die Bewegungen ehrlicher. Ich konnte loslassen.
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Hilfe! Erste Berührungen mit Fremden
Bevor ich von Berührungen spreche, muss ich so ehrlich sein und erzählen, warum ich eigentlich zum Biodanza gegangen bin: Ich wollte etwas tun, was ich sonst nie tun würde. Ich hätte mich auch zum Strickkurs anmelden können. Würde ich auch nicht tun. Hier ging es aber um etwas Tieferes: Für mich war es ein Problem, mit fremden Menschen nah zu sein, die ich mir nicht aussuchen kann und die ich dann vielleicht aufgrund meiner eigenen inneren Vorurteile nicht leiden kann. Ja, diese bösen Vorurteile, die da ins uns schlummern. Ich wollte lernen, wie ich sie loswerden kann, weil sie zu nichts führen. Meine Vision war es also: Lernen, keine Vorurteile zu haben und Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Ja, ich hätte es vielleicht auch mit Kollegen üben können, bei denen ich Vorurteile habe. Aber nein, es sollte gleich die harte Tour sein – so empfand ich das damals.
Als ich da nun in der ersten „Biodanzastunde“ stand, fühlte sich dieser Entschluss wie ein Sprung ins eiskalte Wasser an, eigentlich mehr wie ein Sprung auf eine gefrorene Eisdecke. Und ich fragte mich, was ich hier eigentlich mache. Meine Vorurteile schrien innerlich ja förmlich, denn mal ehrlich: Wie lange brauchen wir Menschen, bis wir uns vom Gegenüber ein Bild gemacht haben? Naja, ein Bild ja nicht, es ist ja nur ein Vorurteil, was wir uns aus Äußerlichkeiten ableiten.
Gar nicht so schwer und unheimlich schön
Zurück zum Tanzen: Es folgte nun die erste Übung mit Körperkontakt. Mein Kopf war sofort laut: „Oh nein! Du musst jetzt mit diesen Menschen hier nah tanzen. Bitte lass es nicht diese Person dort sein, sondern vielleicht besser die da drüben.“ Gleichzeitig war da aber auch Neugier. Heute lache ich darüber und bin froh, diese Gedanken nicht mehr denken zu müssen und liebe die Nähe zwischen uns allen beim Tanzen, die mir tatsächlich nie nah genug sein kann. Aber zurück zur ersten Session:
Wir starteten mit kleinen Kontaktpunkten. Erst nur ein Blick, einfach aushalten, nicht weggucken. Dann Handfläche an Handfläche: warm, still, kaum Druck. Mein System scannte alles: „Fühlt sich das stimmig an?“ Ich merkte, dass es hilfreich war, in diesen winzigen Schritten in Richtung Nähe zu gehen. Ein halber Schritt näher? Ja. Vielleicht Unterarm an Unterarm? Ja. Mehr nicht. Jeder Schritt war ein Micro-Consent: Ich zeigte mein Ja mit einem sichtbaren Ausatmen, mein Noch-Nicht mit einem minimalen Zurückweichen. Nichts wurde kommentiert, alles respektiert.
Mit der Zeit veränderte sich die Qualität. Aus „fremd“ wurde vertraut genug. Wir bewegten uns nebeneinander, manchmal Hand in Hand. Und dann hieß es „Augen schließen“ und nur die Hand des anderen erfühlen. Oh Gott, dachte ich erst. Wie soll das gehen? Ich kenne den nicht und soll zart sein? Und dann passierte es: Kaum ein paar Takte vergangen, war ich weich und absolut abgetaucht in dieser nahen, zärtlichen Berührung, die mir so reinlich erschien, dass sie mich tief berührte. Mein Kopf schwieg. Da war nur das Gefühl, richtig zu sein, mit den anderen, mit mir.
Abschlusskreis
Als das Tanzen vorbei war, kamen wir noch einmal alle zusammen. Wir bildeten einen Kreis, Hand in Hand. Kein großes Ritual, eher ein stilles Einverständnis: Wir waren da. Zusammen. Ich hob den Blick und traf die Augen der anderen, nacheinander, nicht hastig. In manchen sah ich helles Glück, das nach außen strahlte wie ein Rest Sonnenlicht. In anderen lag stiller Schmerz und gleichzeitig dieses Aufatmen: Ich bin nicht allein damit.
Der Kreis hielt beides: Lachen und Tränen. Ich spürte die Wärme der Hände, meinen Puls in den Fingerkuppen. Für einen Moment war es, als hätte der Raum einen Atem. Manchmal bewegten wir uns noch einmal ganz langsam weiter, einen Schritt, noch einen. Manchmal blieben wir stehen und ließen die Stille wirken. Dann lösten sich die Hände, aber das Band riss nicht. Wir dankten einander mit Blicken, mit einem Nicken. Manche umarmten sich, andere nahmen ihre Flasche und schwiegen. Beides war richtig.
Auf dem Nachhauseweg war ich „high“ vor Gefühlen und Erfahrungen und zugleich gesammelt. Ich trug etwas mit hinaus: ein kleines Licht hinter dem Brustbein. Draußen war es kühler, ich atmete tief und die Nacht lag mir wie eine feine Decke über den Schultern. Ich wusste wieder: Glück und Schmerz schließen sich nicht aus. In diesem Kreis hatten sie zusammen Raum und ich mittendrin. Verrückt, und wunderschön. Und ich freute mich wie wahnsinnig auf die nächste Session in der nächsten Woche und auf all die Menschen, die mir so reinlich begegnet sind.
