Es gibt Gedanken, die entstehen nicht, weil man sich philosophisch mit dem Leben beschäftigen möchte, sondern weil das Leben selbst einen dazu zwingt. Weil man sich mit etwas auseinandersetzen muss, das lange weit weg schien und auf einmal nicht mehr auf Distanz bleibt. Dinge, die sich nicht langsam ankündigen, sondern plötzlich mit einer solchen Wucht im eigenen Leben stehen, dass sie alles andere in den Hintergrund treten lassen und die eigene Wahrnehmung verändern.
Plötzlich befindet man sich wie aus der eigenen Welt gerissen, als hätte jemand den gewohnten Boden unter den Füßen verschoben. Alles funktioniert äußerlich weiter, die Abläufe sind dieselben, die Straßen sehen aus wie immer, Menschen gehen ihrer Arbeit nach, Telefone klingeln, Termine stehen im Kalender und doch fühlt es sich an, als würde man durch eine Nebelwand gehen, in der Geräusche gedämpft sind und Konturen verschwimmen.
Man steht mitten im eigenen Leben und erkennt es gleichzeitig kaum wieder, weil das Selbstverständliche seine Selbstverständlichkeit verloren hat. Gedanken kreisen, Zeit fühlt sich anders an, manchmal gedehnt, manchmal seltsam beschleunigt und man merkt, dass man innerlich an einem Ort angekommen ist, den man sich nie ausgesucht hätte.
Und genau in diesem Zustand zwischen Schock, Traurigkeit und wachsender Klarheit entsteht eine Frage, die alles verändert: Was bedeutet Lebensqualität eigentlich wirklich?
Was Lebensqualität wirklich bedeutet
Leben ist jetzt. Und Leben ist auch jetzt, wenn auf einmal das mögliche Ende eines Lebens im Raum steht. Gerade dann wird sichtbar, wie kostbar Lebensqualität ist und wie wenig sie mit Perfektion, Kontrolle oder langfristigen Plänen zu tun hat.
Aktuell sehe ich leider dieses Bild: Der Tod steht im Türrahmen.
Er kommt noch nicht herein, er hat den Raum noch nicht betreten, aber er zeigt sich in all seiner Größe und steht einem direkt gegenüber. Niemand weiß, wie dieser Besuch ausgeht. Ob er sich wieder zurückzieht, ob er einen Schritt nach vorne macht oder ob er heute näherkommt, morgen oder vielleicht erst in einem Jahr. Allein diese Präsenz verändert alles.
In mir ist daraus ein neues Verständnis von Lebensqualität entstanden. Früher hätte ich bei diesem Wort vielleicht an Gesundheit, Sicherheit oder gute Rahmenbedingungen gedacht.
Heute weiß ich, dass Lebensqualität im Kern bedeutet, einfach einen guten Tag zu haben.
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Lebensqualität ist ein guter Tag
Ein guter Tag ist kein perfekter Tag. Es ist kein Tag ohne Sorgen, ohne Schmerz oder ohne Unsicherheit. Ein guter Tag ist ein Tag, an dem ein Mensch sagen kann: Heute war es gut. Vielleicht war es schwer. Vielleicht war es nicht leicht. Aber es war gut.
Ein guter Tag kann ein Lächeln enthalten, ein gutes Gespräch, einen Moment der Ruhe, ein Gefühl von Würde oder einfach das Erleben, nicht allein zu sein. Wenn ich das so begreife, wird Lebensqualität etwas zutiefst Menschliches und Greifbares. Es geht nicht um Jahre, es geht um Tage. Es geht nicht um große Versprechen, es geht um diesen einen Abschnitt von Zeit, der gerade da ist.
Selbst wenn die Umstände schwer sind. Selbst wenn die Zukunft ungewiss ist. Selbst wenn Angst oder Schwäche ihren Platz haben. Wenn es an diesem Tag Momente gab, in denen gelacht wurde oder Frieden spürbar war, dann bleibt dieser Tag ein guter Tag.
Niemand kann ihn rückwirkend entwerten. Kein weiteres Leid kann ihn auslöschen. Er ist geschehen. Er ist erlebt worden. Er ist Teil der Geschichte dieses Menschen. Und damit ist er Lebensqualität.
Lebensqualität entsteht zwischen uns
Vielleicht ist genau das die tiefste Form von Lebensqualität, die ich gerade begreife: dass wir einander Tage ermöglichen können, die sich gut anfühlen, auch wenn nicht alles gut ist. Dass wir inmitten von Unsicherheit kleine Räume schaffen können, in denen Würde, Freude oder Ruhe spürbar sind und dass diese Räume Bestand haben.
Und während ich darüber nachdenke, frage ich mich, wie viele Menschen heute keinen guten Tag hatten. Wie viele vielleicht aufgestanden sind mit einer Schwere im Herzen. Wie viele durch ihren Alltag marschiert sind, ohne dass jemand wirklich hingesehen hat. Wie viele abends ins Bett gehen und denken, dass dieser Tag ihnen mehr genommen als gegeben hat.
Manchmal erscheint mir diese unnötige Härte fast überflüssig. Wir sind so viele Menschen auf dieser Welt. So viele Möglichkeiten für Begegnung, so viele Chancen, Lebensqualität im Kleinen zu schaffen. Und doch gehen wir oft aneinander vorbei, beschäftigt, angespannt, in unseren eigenen Geschichten gefangen.
Vielleicht liegt genau hier unsere stille Gestaltungskraft. Nicht die Welt zu retten, sondern den heutigen Tag für jemanden nicht schwerer zu machen als nötig. Vielleicht sogar ein kleines bisschen heller.
Lebensqualität beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in der Art, wie wir sind.
Und all das ist eine Haltung.
Ein Sommergarten als Bild für Lebensqualität
Parallel zu all dem ist in mir ein weiteres Bild entstanden, das mich trägt. Ich sehe einen Sommergarten vor mir. Schmetterlinge fliegen umeinander, setzen sich nebeneinander auf eine Blüte, steigen wieder auf, kreuzen sich in der Luft, ohne sich zu stoßen, ohne sich festzuhalten oder zu dominieren.
Sie wirbeln durch diesen Garten mit einer Leichtigkeit, die nichts Oberflächliches hat, sondern einfach Ausdruck von Leben ist. Keiner marschiert hart durch diesen Raum. Keiner beansprucht ihn für sich allein. Und doch entsteht ein lebendiges Miteinander.
So fühlt sich Lebensqualität für mich an. Respektvoll, lebendig und verbunden.
Wenn sich ein Spalt im Blick öffnet
Ich merke, wie ich seit einiger Zeit Menschen anders betrachte. Ich schaue die Menschen an, beginne mit ihnen zu sprechen oder schenke ihnen einfach nur ein Lächeln. Oft geschieht genau in diesem einfachen Moment etwas, das mich tief berührt.
In den Augen des anderen öffnet sich ein kleiner Spalt, durch den es auf einmal heller wird. Ein Lächeln kommt aufs Gesicht oder ein nettes Gespräch entsteht. Für einen Moment fällt etwas von der Person ab, vielleicht eine Anspannung, vielleicht eine innere Rüstung, die sie durch den Alltag trägt.
Und ich sehe, wie sehr Menschen das genießen, selbst diejenigen, die scheinbar hart durch ihren Alltag marschieren und nach außen wenig Raum für Verletzlichkeit zeigen. Echte Aufmerksamkeit wirkt und bringt etwas zum Leuchten, das vielleicht schon lange da war, aber selten gesehen wird.
Wir stärken uns, oft ganz still, ohne große Worte, einfach durch die Entscheidung, wach zu sein. Und so bin ich da in einer schweren Zeit und begegne ihr anders. Die Traurigkeit bleibt, aber da ist auch das Glück über die guten Tage.
Biodanza als Weg zu mehr Lebensqualität
Ich glaube, ein Teil dieses Bewusstseins ist durch Biodanza in mein Leben gekommen. Dort habe ich gelernt, Begegnung bewusst zu erleben, mich selbst zu spüren und Verbindung nicht nur zu denken, sondern zu fühlen.
Was ich dort erfahren habe, ist in meinen Alltag gewandert. Lebensqualität ist für mich kein Konzept mehr, sondern eine gelebte Erfahrung. Die letzten Tage haben mich müde gemacht und gleichzeitig hellwach. Sie haben mir gezeigt, wie viel Gestaltungskraft im Zwischenmenschlichen liegt und wie wertvoll ein guter Tag ist.
Wir können nicht alles kontrollieren. Wir können nicht alles verhindern. Aber wir können mitentscheiden, wie sich die Zeit dazwischen anfühlt.
Und genau darin liegt unsere Möglichkeit, Lebensqualität zu schaffen.
Eine Einladung zu mehr Lebensqualität im Alltag
Vielleicht kennst auch du Momente, in denen sich dein Blick auf das Leben plötzlich schärft. Vielleicht hat dich etwas wachgerüttelt und dir gezeigt, wie kostbar jeder einzelne Tag ist.
Dann lade ich dich ein, heute ganz bewusst einen kleinen Spalt in deinem Blick zu öffnen und einem Menschen so zu begegnen, dass er sich gesehen fühlt.
Manchmal beginnt Lebensqualität nicht damit, dass sich die äußeren Umstände verändern, sondern damit, dass wir uns entscheiden, genauer hinzusehen und das, was zwischen uns möglich ist, nicht länger zu übersehen.
Und wenn du erleben möchtest, wie sich diese Form von Verbundenheit in einer Gruppe anfühlt, dann kann Biodanza ein Raum sein, in dem du Lebensqualität im Hier und Jetzt erfährst.
Mich würde sehr interessieren, was für dich Lebensqualität bedeutet. Wann hattest du zuletzt einen wirklich guten Tag? Und was hat ihn dazu gemacht?
