Kennst du das: Du betrittst einen Raum voller Menschen. Vielleicht einen Kurs, ein Treffen, ein offener Abend? Du ziehst die Jacke aus, suchst mit den Augen einen Platz und gleichzeitig schaltest du innerlich auf Beobachten. Dieses Gefühl, sich fremd zu fühlen unter Menschen, kennen mehr von uns, als wir zugeben. Du siehst, wie andere miteinander reden oder sogar lachen. Und während um dich herum Leben passiert, fühlst du dich plötzlich wie hinter einer Glasscheibe. „Worüber soll ich mit denen reden? Die wirken alle entspannter als ich. Die sind alle schöner als ich.“
Nach außen bist du vielleicht freundlich und funktional. Du lächelst, nickst, sagst „Hallo“. Innerlich fühlst du dich aber irgendwie … naja, falsch, als wärst du mit einem Stecker an dir unterwegs, der nicht so richtig in diese Steckdose hier passt. Falsch.
Die sind alle so anders als ich. Alle wirken so selbstbewusst und entspannt.
Dieses Fremdsein ist oft gar nicht laut. Es ist eher die angespannte Körperhaltung, die Arme, die nicht wissen wohin und der Blick, der lieber an Wänden hängenbleibt oder auf den Boden geht als in andere Gesichter. Du sehnst dich schon irgendwie danach, auch dazuzugehören, sonst wärst du nicht hier und gleichzeitig weißt du nicht, wie du anfangen sollst und ob du das wirklich so richtig willst.
Genau hier setzt dieser Artikel an: Bei diesem ungreifbaren Zustand, in dem du unter Menschen bist, aber nicht wirklich bei ihnen.
Warum wir uns unter Menschen so schnell fremd fühlen
Bevor ich darauf eingehen möchte, was wir Menschen tun können, um wieder besser in Verbindung gehen zu können, sei mir ein Blick gewagt, warum das überhaupt so ist wie es gerade ist.
Die innere Kamera
Viele Menschen tragen eine unsichtbare Kamera in sich, die alles filmt und vor allem sofort bewertet. „Wie sehe ich gerade aus? Wie komme ich an? Was denken die anderen, wenn…?“ Diese innere Beobachtung verstärkt das Gefühl, sich fremd zu fühlen, selbst wenn wir eigentlich dazugehören möchten. Diese Kamera ist leider nur selten freundlich zu uns. Sie zoomt natürlich nicht auf deine Warmherzigkeit oder auf deine Hilfsbereitschaft, sondern auf jedes Gefühl von Unsicherheit. Und je stärker diese innere Beobachtung läuft, desto weniger bist du wirklich im Kontakt. Es wäre toll, wir könnten der Kamera einfach so ein anderes Objektiv aufsetzen und zack, hätten wir den Fokus bei all unseren liebenswerten Eigenschaften und fühlen uns großartig.
Alte Erfahrungen
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du „zu viel“ warst. Zu emotional, zu ruhig, zu direkt, zu leise, zu laut, zu zappelig, zu verrückt, zu anders. Oder du hast dich in deinem Leben geöffnet und wurdest dann übergangen, ausgelacht oder ignoriert. Dein Körper erinnert sich an diese Momente. Nicht unbedingt als klare Bilder, eher als Stimmung: Vorsicht. Nähe ist nicht ganz sicher.
Vergleiche im Kopf, Rückzug im Körper
Stoßen wir Menschen auf Gruppen, startet fast automatisch ein Vergleichsmodus. Das natürlich nicht bei jedem und nicht bei jedem gleich. Es kommen unbewusste und bewusste Gedanken in uns auf: „Die wirkt selbstbewusster. Der ist witziger. Die kennen sich alle schon.“ Während dein Kopf noch auswertet, zieht sich dein Körper bereits ein kleines Stück zusammen. Sich fremd zu fühlen ist dann nicht nur ein Gedanke, sondern ein spürbarer Zustand im Körper.
Der Konflikt: Nähe wünschen, Nähe fürchten
Viele Menschen, die sich fremd fühlen, erleben genau diesen inneren Konflikt: Nähe wollen und sich gleichzeitig davor schützen. Tief innen weißt du, dass du Menschen brauchst. Nähe. Gesehen werden. Berührt werden, körperlich oder im Herzen. Gleichzeitig schützt du dich vor genau dieser Verletzlichkeit. Dieses Hin und her ist anstrengend. Kein Wunder, dass wir dann lieber „funktionieren“, statt uns wirklich zu zeigen. Und ich denke, oft ist uns das auch gar nicht bewusst.
Spreche ich mit Menschen, höre ich oft „Nein, ich habe keine Angst davor, verletzt zu werden, aber ich kann irgendwie einfach nicht.“ Ich glaube diesen Menschen diesen Satz. Egal, ob er tatsächlich wahr oder falsch ist. Wie viele von uns könnten diese Aussage wirklich ehrlich und bewusst treffen? Und das gar nicht, weil sie nicht mutig genug sind, sondern weil sie es vielleicht auch gar nicht besser wissen? Ich möchte das gar nicht bewerten, denn wichtig finde ich nur eines: Es tut so unwahrscheinlich gut, sich im Leben zeigen zu können. Sich zu zeigen, so wie man ist. Und vor allem dabei glücklich zu sein. Jeder von uns ist verschieden und niemand muss sich für sich selbst verstecken.
Zeig dein Menschsein, das ist wertvoll. Für dich und auch für alle anderen.
Drei unsichtbare Schutzstrategien
Bist du dir nicht sicher, ob du wirklich Schutzstrategien benutzt, wenn du auf andere Menschen triffst? Ich habe drei unbewusste Schutzstrategien herausgesucht, die wir Menschen unbewusst vornehmen. Erkennst du dich irgendwo wieder?
- Der Chamäleon-Modus
Du passt dich an. Du lachst, wenn andere lachen, du stimmst zu, obwohl du etwas anderes denkst. Hauptsache, nicht auffallen. Der Preis: Du bist zwar dabei, aber nicht wirklich du. - Der Beobachter-Modus
Du hältst dich am Rand, bleibst lieber in der Rolle der stillen Beobachtung. Du bekommst vieles mit, aber kaum jemand bekommt dich mit. Sicher, aber einsam. - Der Funktions-Modus
Du übernimmst Aufgaben, organisierst, hilfst, fragst die anderen. Du bist nützlich und umgehst so das Risiko, dich als Mensch zu zeigen, der selbst unsicher oder bedürftig ist.
Keine dieser Strategien ist „falsch“. Sie haben dir vermutlich geholfen, durch schwierige Situationen zu kommen. Aber sie verhindern auch, dass du echte Nähe erleben kannst. Denn Verbundenheit entsteht dort, wo du mit dir auftauchst, nicht nur mit deiner Funktion.
Wie soll sich Verbundenheit für dich anfühlen?
Wenn du in dich hineinhörst, stell dir doch nun mal genau diese Frage: „Wie soll sich Verbundenheit für dich anfühlen?“ Es ist wichtig, dass du weißt, was du suchst oder dir wünschst. Je genauer, umso besser. Dann hast du etwas fokussiert und schwimmst nicht mehr so im Wirrwarr umher und hast ein klares Bild davon, was die eigentlich fehlt.
Vielleicht so?
- Jemand schaut dich an und du hast nicht das Gefühl, dich verstellen zu müssen.
- Du darfst mal still sein, ohne dass sofort peinliche Stille im Raum hängt.
- Du kannst sagen „Ich bin gerade aufgeregt“ und wirst nicht weggelächelt.
- Dein Körper darf weich werden, statt immer angespannt „stark“ zu sein.
Es geht im Übrigen gar nicht darum, plötzlich alle anzusprechen und super extrovertiert zu sein. Viel häufiger geht es um: Einen ehrlichen Blick, der nicht sofort flüchtet, ein Lächeln, das du nicht wegdrückst oder ein kleines „Hallo, ich bin…“, obwohl deine Knie weich sind
Nähe beginnt oft in sehr kleinen Dosen. Und genau diese Mini-Momente üben wir viel zu selten bewusst.
Ein Abend als Übungsfeld, wenn du dich fremd fühlst
Stell dir jetzt einen Abend vor, der nur für dein Übungsfeld für Verbindung da ist. Kein Networking, keine Smalltalk-Pflicht, kein „Stell dich mal kurz vor und sag was Lustiges über dich“.
Du bist einfach da, auch mit dem Gefühl, dich fremd zu fühlen, und genau das darf mit in den Raum. Du musst nichts erklären. Es geht nicht um deine Rolle, deinen Job, deinen Status. Es geht darum, dass du jetzt einfach nur hier im Raum bist. Du bist einfach nur da. Punkt.
Du musst hier nichts leisten
Zu Beginn bleibst du vielleicht in deinem Modus: du beobachtest, du gehst eher am Rand entlang, hältst Abstand, schaust die Leute an. Und das ist vollkommen in Ordnung so. Übrigens: Genau so kam ich das erste Mal in meine erste Biodanza-Stunde! Ich habe mich an den Rand gesetzt, habe die Menschen beobachtet und war mir unsicher, was ich hier eigentlich mache und ob ich Exot da überhaupt rein passe, weil sie alle so anders aussahen als ich. Ich hatte das Gefühl, ich bin gerade vollkommen falsch und habe mich gefragt, was mich überhaupt hierhin gebracht hat. Das waren meine Gedanken!
Aber zurück zu dir in diesem Übungsraum. Du bist nun eine Weile und nach und nach passiert folgendes:
- Die Gruppe beginnt, sich im Raum zu bewegen. Einfaches Gehen. Du gehst einfach mit. Fühlt sich vielleicht erst komisch an, aber nach einer Minute wirst auch du einfach nur gehen.
- Du merkst, wie dein Atem sich nach ein paar Minuten etwas reguliert. Das Gehen wird leichter. Es fühlt sich nicht mehr so komisch an. Alle gehen.
- Die Leitung lädt dich ein, manchmal kurz aufzuschauen, nur einen Sekundenblick zu riskieren. Kein Muss, nur eine Möglichkeit.
Es ist ok, unsicher zu sein
Gut möglich, dass du zum ersten Mal bewusst bemerkst: Mein Körper wird ruhiger, wenn ich nicht gegen meine Unsicherheit kämpfe, sondern sie mitnehme. Es ist in Ordnung, schüchtern kurz zu schauen und den Blick wieder wegzunehmen. Und es ist in Ordnung, sich auch beim einfachen gehen unsicher zu sein. Du wirst sehen: Es gibt unsichere Blicke zurück. Es gibt andere Menschen, die unsicher gehen. Und es wird Menschen geben, die das alles schon souverän lösen. Aber keine Bange: Jeder Mensch hat sein Übungsfeld für seine Themen.
Später gibt es vielleicht eine weitere Übung, in der ihr euch zu zweit begegnet: Ein gemeinsames „Durch den Raum gehen“ und sich dabei hin und wieder ansehen. Den Rahmen bestimmt ihr beide. Kein starrer Blick, kein Zwang. Eher so etwas wie: Ich bin hier. Du bist hier. Lass uns kurz prüfen, wie viel Nähe gerade gut tut.
Es können Momente entstehen wie:
- Ein erstes ehrlich gemeintes Lächeln, das nicht sofort wegrutscht
- Ein kurzer Schulterschluss im Gehen: zwei Menschen, gleiche Richtung, gleicher Rhythmus
- Das Gefühl: Wir müssen gar nicht viel reden. Es reicht, dass ich spüre, dass ich nicht allein bin.
So ein Abend kann z. B. eine Vivencia sein, ein bewegter Abend, an dem Begegnung über Musik, Bewegung und Präsenz entsteht. Aber das Entscheidende ist nicht das Wort „Biodanza“. Entscheidend ist der Raum: Ein klar gehaltener Rahmen, in dem du das, was dir im Alltag schwerfällt, organisch üben kannst. Schritt für Schritt. Blick für Blick. Berührung für Berührung.
Was du aus solchen Abenden mit in deinen Alltag nehmen kannst
Das Spannende ist: Der Unterschied zeigt sich oft nicht im großen „Aha“, sondern in kleinen Verschiebungen.
Nach solchen Erfahrungen berichten viele Menschen Dinge wie:
- „Ich habe gemerkt, dass ich einen Blickkontakt ein paar Sekunden länger halten kann, ohne gleich wegzuzucken.“
- „Ich war auf einer Feier und habe mich nicht sofort an mein Handy geklammert, sondern einfach mal den Raum gespürt.“
- „Ich habe beim nächsten Treffen ehrlich gesagt, dass ich aufgeregt bin und es war okay.“
Du nimmst also nicht „eine schöne Erinnerung“ mit, sondern neue körperliche Referenzen: Mein Herz klopft und ich bleibe trotzdem im Kontakt. Ich darf mir Nähe wünschen, ohne mich dafür zu schämen. Ich kann mich mit anderen im gleichen Rhythmus bewegen, ohne perfekt sein zu müssen.
Diese inneren Spuren bleiben. Sie sind wie kleine Trampelpfade zu mehr Verbundenheit, auf die du im Alltag zurückgreifen kannst.
Deine nächste kleine Mutprobe
Vielleicht erkennst du dich in vielem wieder. In dem stillen Fremdsein, den Strategien, dem Wunsch nach Nähe, der sich gleichzeitig gefährlich anfühlt. Du musst nicht von heute auf morgen zur „Kontaktheldin“ oder zum „Beziehungsprofi“ werden. Aber du kannst dir eine kleine, ehrliche Mutprobe vornehmen:
- In der nächsten Runde im Büro, in der Pause oder im Kurs: einen Blickkontakt bewusst halten und dabei atmen.
- Jemanden mit einem Satz begrüßen, der etwas echter ist als „Alles gut?“.
- Wenn du magst: einen geschützten Raum aufsuchen, in dem Begegnung bewusst gestaltet wird, ob es ein Tanzabend, eine Vivencia, ein Kurs oder eine Gruppe ist, die dich schon lange anzieht.
Wenn du neugierig bist, was so ein Vivencia Abend für dich tun könnte, schau gern, ob es in deiner Nähe Angebote gibt. Eine Übersicht von Biodanza-Schulen findest du zum Beispiel hier: https://www.biodanza-deutschland.org/schulen
Und jetzt zu dir:
Wo erlebst du dieses leise Fremdsein unter Menschen am häufigsten? Und welche eine kleine Bewegung in Richtung Verbundenheit möchtest du dir in den nächsten Tagen erlauben?
Schreib es gern in die Kommentare. Dein Weg aus dem Fremdsein kann anderen Mut machen, ihren eigenen ersten Schritt zu gehen.
